zu erjammern, heißt das Auge des Allwissenden täuschen wollen,der durch die dunkelsten Tiefen unsers Gemüths schaut. Aufrichtigund aus dem Gefühle unsers Unrechts selbst hervorgehend mußder Verdruß über die Schlechtigkeit unsers Thuns sein. EinSchmerz aus solcher Tiefe unsers Wesens ist schon eine Selbststrafe;rin solcher Schmerz aber ist an sich unmöglich, ohne Abänderungunserer Gesinnungen. Wem seine Uebereilungcn leid sind, derbegeht sie nicht wieder. Er wird sich in Zukunft vor ihnen hüten.Er wird die Aenderung seines Sinnes in allen Gedanken,Wünschen und Handlungen äußern, wird das Verfehlte wiedergut zu machen suchen. Und dies sind die eigentlichen Werke derBuße, welche Jesus fordert; nicht äußerliche Leidbezeugunzen,nicht Fasten und körperliche Selbstpeinigung.
Wenn aber tiefes, inniges Bereuen unserer Fehltritte eineAenderung unserer Gesinnungen zur Folge hat: so wird'derReuige nicht so leicht wieder den gleichen Fehler begehen. Erwird heiliger; erwirb seine Wünsche undThaten nach der Ucber-zrugung seines Gewissens einrichten. Es wird in ihm jene stilleSelbstzufriedenheit entstehen, welche ein Lohn der Tugend undgleichsam des Himmels Stimme ist: du hast Gnade bei Gott! —Ohne Lebensbesserung ist keine Gnade. Darum sprach Jesuseinst: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr, deineSünden sind dir vergeben!"
Tiefe Reue, hoher Aufschwung des Gemüthes!Wie der Mensch, wenn er in der Noth zu vergehen fürchtet,Riesenkräfte gewinnt, um sich zu retten, so gewinnt er auchRiesenkräfte zu seiner Besserung, je tiefere Reue ihn über seineinnere Unwürdigkeit durchdringt. Es ist ein Zeichen schwacherReue, schlechten Ernstes, je länger der Mensch auch dann nochin seinen Fehlern verharrt, die er bereut zu haben vorgibt. —Wer sich noch oft von seinem Zorn übermannen läßt; werunerlaubte Lüste zu stillen sich selbst recht gern verzeiht; wer fürseine heimlichen Betrügereien allerlei Entschuldigungen zu erfindenweiß; wer recht mit Lust auf Kränkungen seiner Nebcnmenschensinnen kann; wer seines Eigennutzes willen sich Unredlichkeitenerlauben kann; wer, um seinem HochmuLh genug zu thun, an