Keine aber wird dir leichter werden, als zu welcher du ohnehinschon durch deine Lage, durch dein Temperament am geneig-testen bist. — So wie kein Fehler schwerer zu bekämpfen ist, alsderjenige, welcher mit unserm Temperamente zusammenhängt:so ist auch keine Tugend stärker und unerschütterlicher, denn die»jenige, welche gleichsam aus unserm ganzen Wesen und Semvon selbst hervorgeht.
Freilich haben sogenannte Temperamentstugenden kein großesVerdienst; sie sind nicht mit jenen zu vergleichen an innermWerth, die nur mit schwerer Selbstüberwindung geübt werden.Es ist kein großes Verdienst, wenn der schon von Natur Sanft-müthige den Frieden liebt, seinen Feinden verzeiht; es ist keingroßes Verdienst, wenn eine Mutter, die von Natur schon ihrenKindern hold ist, für dieselben sorgt und arbeitet. Doch waSihnen an höherm Werth vielleicht gebricht, gewinnen sie anAchtung durch ihre natürliche Stärke und Dauer. Vermöge diesereignen sie sich ganz vorzüglich, gleichsam eine feste Grundlagedes ganzen Tugendgebäudes in unserm Innern zu werden, unddie Quelle unserer Heiligung zu sein. Zwar jede andere höhereTugend würde die gleichen Wirkungen hcrvorbringen können:aber kostet uns ihre Ausübung große Mühe, laufen wir Gefahr,sie oft wankend zu sehen: so ist es um so gefährlicher, sie zumGrundstein und Stützpunkt unserer gesammten Vollkommenheitzu machen.
So erforsche und prüfe dich denn, welches ist diejenige vondeinen guten Eigenschaften, in welcher du dich am stärksten undbleibendsten fühlst? Ist es der Glaube an Jesum, ist es die Liebezu Gott und Menschen, oder ist es die Oemuth oder die Ehrfurchtfür Wahrheit, — welche Tugend es auch sei, aus der erhaben-sten werden endlich die allerhöchsten hervorblühen, wenn du nmdie eine in allen Zeiten und in allen Beziehungen völligausübst.
Jedoch hüte dich, eine Tugend oder gute Eigenschaft zumSchutzgeist deines Herzens zu machen, welche dich nur vonschlechten Handlungen abhält, ohne zu den guten anzuspornen.Es muß keine unfruchtbare, sondern eine thätige Tugend