Daraus fließt also nun auch unsere Pflicht, daß wir unablässigund freudig nicht nur Alles zur Aufklärung und Erleuchtungunsers eigenen Verstandes, sondern auch zur Belehrung undAufklärung anderer Menschen Mitwirken müssen.
Die beste Verbreitung einer gründlichen Aufklärung bestehtaber nicht sowohl in plötzlicher Niederreißung alter Vorurtheile,oder dessen, was wir für Vorurtheile zu halten gewohnt sind;nicht in stolzer und heftiger Bekämpfung des Jrrthums undAberglaubens; nicht in der Mitcheilung gewisser Grundsätze,die wir für unumstößlich, oder gewisser Wahrheiten, von denenwir uns selbst überzeugt halten: sondern in der Hinwegräumungaller Hindernisse einer vernünftigen Selbstbelehrung; in derVernichtung aller derjenigen Umstände, die es dem Menschenerschweren oder oft gar unmöglich machen, durch eigenes Nach-denken der Wahrheit näher zu kommen.
Die wahre Aufklärung des Menschen besteht nicht eigentlichin dem, was er lernt, sondern m dem, wie er denkt! —Das Lernen aber hilft zum Denken; und die Kenntnisse, welchewir sammeln, sind nachher Mittel und Stoff des Nachdenkensund der Selbstveredlung des Geistes.
Darum ist es unsere Pflicht, es jedem Menschen, auch demAermsten und Niedrigsten, leicht zu machen, sich Unterricht zuverschaffen, um seinen Verstand mit Vorkenntnissen zu bereichern;unsere Pflicht, alles dasjenige zu entfernen, was Kindern, wieErwachsenen, falsche oder schädliche Vorstellungen von denMenschen, von der Welt und allen ihren Bedürfnissen gibt.
Oft ist es schwer, oft unmöglich, bei erwachsenen Leuteneingewurzelte Vorurtheile auszurotten. Oft ist es zu viel ver-langt, wenn man von bejahrten Personen fordert, daß sie, ohnegehörige und langwierige Vorbereitung, ihre ganze Vorstellungs-art umändern und durch Gewohnheit lieb gewordene Jrrthümerablegen sollen."Man kann die Altäre des Aberglaubens zerstören,aber nicht eben so leicht den Jrrthum und die Neigung in derBrust des Menschen. Man kann die Tempel falscher Götterniederreißen, aber darum blühet dennoch der Glaube an sie imStillen fort. Hier gebietet das Christenthum Schonung,