Glaube göttlichen Ursprungs sein soll, muß er sowohl mit derVernunft des einsichtvollsten und scharfsinnigsten Mannes, wiemit derjenigen des Unwissenden und im Denken Weniggeübtenübereinstimmen. Wäre dies nicht: so würde die von Gott fürdas Menschengeschlecht gegebene Religion nicht für alle Menschentauglich, nicht für alle begreiflich, nicht für alle wahr sein kömnen! — Ich würde erwarten, daß dieser vom Himmel stamrmende Glaube dem Gelehrtesten wie dem Ungelehrten, demGreise wie dem Kinde, gleich verständlich, gleich wohlthätig sei,und auf alle Gemüther gleich segensvoll wirken müsse.
Ja, da die Vernunft des Menschen in endliche Schrankeneingebannt ist, und sie das Ueberirdische nicht erkennen kann,muß ein göttlicher Glaube die Forderungen der Vernunft soerfüllen, wie sie dieselben nicht selbst erfüllen kann; er muß dieRäthsel lösen, die kein Verstand zu lösen fähig ist. Er muß mirerklären, warum mein Geist mit einem so großen Reichthumseltener Eigenschaften ausgestattet ist, von welchen er im Lebentheils gar keinen genügsamen Gebrauch machen, noch die wenigstengehörig zur Vollkommenheit entwickeln kann; er muß mir erklärenmeinen natürlichen Trieb nach Glückseligkeit durch Tugend, da ichauch das Laster oft im glänzenden Wohlsein erblicke, währenddie reinste Unschuld elend ist; er muß mir erklären, warumAlles in mir nach Vollkommenheit aufstrebt, während doch eineTodesstunde schlägt, die mein Streben unterbricht. Warum hättenur das allcrweiseste Wesen unnütz eine Sehnsucht angeschaffen,die nie befriedigt werden, eine Reihe von Kräften verliehen, dienie zur Vollendung gedeihen sollten? Warum gab sie mir denDurst nach Seligkeit durch Tugend und Weisheit, und ließ ihnungestillt?
Ich würde ferner sprechen: derjenige Glaube seigöttlich, welcher mit den ewigen Ordnungen derSchöpfung am vollkommensten übereinstimmt. Dennwas das allervollkommcnste Wesen gibt, muß in sich selbst dievollkommenste Harmonie sein. Natur und Offenbarung, sindsie beide von Gott, können beide nicht w-ider einander streiten,und sich gegenseitig vernichten, sondern Eins muß das Andere