101
-wir bemühen uns viel eifriger, uns seine Denkart klar zu machen,und aus allen Kleinigkeiten, die wir sonst kaum an Andern bemer-kenswerth finden, aufseinen Sinn, aufseine Wünsche zu schließen.So ist es auch mit der Seele zu ihrem väterlichen Schövfer!
Dies rechte Verhältniß des Menschen zu Gott, das heißt, dieLiebe der Seele zu ihm, kann sich freilich nicht auf die gleicheArt äußern, wie sich die Liebe und Freundschaft des Menschenzum Menschen an den Tag legt. Wenn aber aus Mißverständnißes dennoch geschieht, aus Jrrthum versucht wird; so entstehtDaraus entweder eine fruchtlose Spielerei mit irdischen Gefühlen,oder ein äußerliches todtes Ucbungswerk.
Die wahre Liebe der Seelen zu Gott äußert sich nicht inschwärmerischen Empfindeleien, in neuerfundenen süßen undschmeichelnden Namen, die man Gott gibt, ix einem unaufhör-lichen Schmachten nach ihm, und in beständigem Hinbrüten desGeistes über die Herrlichkeit des Allerheiligsten. Ein solcherSeelenzustand ist keinem Menschen natürlich, und daher auchunmöglich von langer Dauer. Personen aber, welche aus un-begreiflichem Mißverständnisse darein die wahre Liebe zu Gottsetzten, verfielen nachher immer in eine sich selbst quälende Trau-rigkeit, »veil sie sich mit Vorwürfen peinigten, daß sie nicht-immer und immer Gottes gedächten, sondern auch den Dingender Welt ihre Aufmerksamkeit schenken müßten. Sie peinigtensich also ohne Noth, weil sie das Unmögliche möglich zu machenglaubten, und verfielen zuletzt aus Mißmuth entweder in Stumpf-heit und Leichtsinn, oder in eine sich selbst tödtende, unfruchtbareSchwärmerei.
Auch offenbart sich die wahre Gottesliebe und GottesfurchtNicht durch eifriges, fleißiges Beten; durch ängstliches Beobachtenkirchlicher Gebräuche; durch ein äußerliches ehrbares Ansehen;durch ein beständiges, in Andächtelei ausartcndes Frömmigkeits-wesen , welches den frohen Genuß irdischer Lebensfreuden ver-schmäht; durch ein kopfhängerisches, oft an Heuchelei grenzendesVerachten der Welt. Denn wahrlich, das ist nicht die Liebe,welche Gott von uns erwartet, daß wir immerdar: Herr! Herr!rufen, oder das: Abba, lieber Vater! hören lassen sollen. Dies