Bist du zum Zorn geneigt, fange damit an, dir Gewalt zuthun, und dich zu mäßigen; bist du zur Wollust geneigt, fangedamit an, jedem Anlasse auszuweichen, der dich bedroht, fesseledeine Einbildungskraft, zerstreue dich; bist du ruhmgierig, eitel,selbstgefällig, gib Acht auf dich, verläugne dich selbst, stehefreiwillig Andern nach, lerne Wollust in dem Schmerz fühlen.Andere mehr als dich beachtet zu sehen. Es kleben dir wohlviele Fehler an; aber dem, der dir am schwersten zu unterlassenfällt, mache zuerst den anhaltenden Krieg. Halte dich auch nachJahr und Tag nicht vor ihm sicher — der Rückfall ist noch langemöglich. Einen Fehler tobten, heißt aber alle Umstände meiden,die ihn, wenn er schlummert, wecken, wenn er begehrt, nähren.Bist du Sieger über den einen, dann hast du schon Kraft ge-wonnen gegen die andern.
Auch wenn du dich vom Hauptfehler befreit hast, den dirGott, den dir dein Gewissen, den dir der Mensch zum Vorwurfmachte, bist du noch nicht der Vollendete und in deinen Verhält-nissen das Ebenbild Jesu, welches du sein sollst. Du hast nochweiter zu streben, du hast noch die kleinern Fehler mit Vorsichtzu meiden. Und kannst du sic meiden, auch dann stehst du nochnicht am Ziel, bist du noch nicht Jesu wahrer Jünger. Dubist zwar nicht eitel und eingebildet auf dein Vermögen, aufdeinen Rang, auf deine Talente, auf deine Schönheit; du bistzwar kein Schwelger, kein Verschwender, der mehr ausgibt, alser füglich darf, kein Trunkenbold, kein Unzüchtiger, kein Karger,kein Zänker, kein Dieb, kein Betrüger: aber bist du auch wirk-lich und aus Ueberzeugung bescheiden? Hilfst du auch mit Hin-vpferung deines eigenen Vortheils Andern? Thust du auch denenwohl, die dich kränken? Geht dir auch jeder Tag mit demBewußtsein zu Ende: ich habe ihn mit einer christlichen Liebes-that, mit Ausübung irgend einer Christustugend geschmückt?
Und hättest du am Ende selbst diese Vollkommenheit errungen,dennoch bist du noch immer weit vom Ziel, ein vollendeterMensch zu sein. Denn deine Umstände, deine Lebensjahre, undmit ihnen deine Entwürfe, Neigungen und Gelüste, ändern.Es werden sich mit jedem verschiedenen Alter, welches Ln er-