Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Sarge einer geliebten Leiche stand, und der Gedanke an dieEwigkeit und das flüchtige Spiel des Erdenlebens ihn gewaltigerergriff?

Menschen, die noch nicht ganz verdorben sind, pflegen beistarken Rührungen des Gemüths immer die erhabensten Vorsatzezu fassen. Wer kann sie zählen, die, bewegt von der GeschichteDeiner Schmerzen, oder gerührt von Bewunderung Deinesheiligen Wandels, sich Dir zuschwören, und im heißen Gebetmit Petrus betheuern, Dich nie zu verläugnen, sondern Dich inErfüllung ihrer Pflichten, in Nachahmung Deines menschen-freundlichen Sinnes, in Bekämpfung aller ihrer eigenthümlichensündhaften Regungen zu bekennen!

Ehrwürdig sind diese Empfindungen und Vorsätze. Auchläßt sich keineswegs läugnen, daß cs Vielen nicht nur im erstenAugenblick aufwallender Gefühle, sondern mehrere Tage nachherDamit feierlicher Ernst war. Sie versuchten, ob es nicht mög-lich sei, durch festen Willen endlich alle Hindernisse in sich zubesiegen, und ganz fehlerrein und heilig zu werden. Sie wolltendas höchste Ziel erringen.

Aber diese plötzlichen frommen Entschließungen christlicherGemüther haben ihre besondern Gefahren, besonders wenn dieVorsätze selbst allzuüberspannt sind. Gut ist es, sich das ZielDer Vollendung zu erwählen, aber nie glaube, es mit den erstenTagen und nach dem ersten Entschlüsse sogleich erfliegen zukönnen. Wachet, wachet über euch und betet! sprach Christuszu seinen Geliebten: der Geist ist willig, aber das Fleisch istschwach.

Der Mensch berechnet in großen Gemüths-bcwegungen selten das Maß der ihm beiwohnen-den Kräfte; da scheint ihm Alles leicht. Aber wie sichnachher seine Gefühle mildern, erscheint ihm bald die Welt anders,als er sie vorher sah. Das alltägliche Leben drängt sich wiederan ihn an. Die bisherigen Gewohnheiten fordern wieder ihreRechte. Es kommen wieder Umstände und Verhältnisse, wo ersich scheut, Vortheile, Ehrenbezeugungen, Schmeicheleien aus-zuschlagen, die er auf Kosten seiner Grundsätze wohl annehmen