Sinter den alltäglichen Uebungen des Lebens verlieren mancheehrwürdige Stiftungen und Gebräuche nicht selten ihre hoheBedeutung. Die Gewohnheit wischt gleichsam den Glanzdes Göttlichen von ihnen ab, und macht uns das Hriligthumgemein. Darum ist es für die Seele wohlthätig, daß sie sichvon einst ehrwürdigen, nun aber gleichgültig gewordenen Gegen-ständen köstliche Erinnerungen erwecke; daß sie nicht das Himm-lische gefühllos und kalt zu einem gemeinen, wohl gar lästigenbürgerlichen Geschäft hinabsinken lasse; daß sie in religiösenHandlungen mehr, als eine todte Zeremonie, und in ernst vorGottes Angesicht ausgesprochenen Gelübden mehr, als sinnlecreWorte und von der Vorwelt ererbte Formeln finde.
Es ist aber ein verderblicher Zug in der Denkart unsersZeitalters, daß man so sehr geneigt ist, mit leichtsinnigem Scherzdas Heilige zu entweihen, oder in der Religion sinnbildlicheZeichen, in der Kirche feiervolle Handlungen, die auf denGottessohn und Welterlöser Hinweisen, entbehrlich zu finden.Verleitet durch einen übel verstandenen Begriff von Aufklärung,oder zum Unwillen gereizt durch den abergläubigen Mißbrauchdes Pöbels, der zuletzt seine Religiosität bloß in gewissenhafteUebung äußerlicher Gebräuche setzt, glauben sich ihrer Vieleberechtigt, auf alle kirchliche Anordnungen und Feierlichkeitenmit Geringschätzung herabblicken zu können. Sie möchten dieReligion von allem sinnlichen Schmuck entkleiden, sie nur ganzzur Vernunft- und Herzenssache machen. Aber sie irren, weilsie das menschliche Gemüth zu wenig kennen. Sie irren, weil siedie Geschichte ihres eigenen Herzens vergessen haben; vergessen,welchen tiefen Eindruck manche Wahrheiten, die ihnen sonstschon bekannt waren, erst dann auf sie machten, wenn dieselben