Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

Oder ist cs denn so unerhört, daß allzuleichtsinnige, unvor-sichtige, treuherzige Personen ein zu großes Vertrauen in dieRedlichkeit von Menschen setzten, die sie erst nachher von einerbösen Seite kennen lernten? Dadurch, daß sie solche Leute zrrMitwissern eines oft wichtigen Geheimnisses machten, begabensie sich in die schmählichste Sklaverei vnn deren Launen. Siemußten entweder deren oft niederträchtige Forderungen eingehen,oder sie als Feinde fürchten, und sich ihrer Rache und derVcrrätherei des Geheimnisses preis geben. Nur allzuoft geschahschon, daß aus Furcht vor Schande, vor Unglück derer, diedas Geheimm'ß zunächst anging, der Redliche ein Diener fremderLaster wurde, weil er zu feige war, lieber Unglück zu tragen,als das zu thun, was Religion und Gewissen begehrten; weiler mehr die Menschen fürchtete, als Gott.

Weit gefährlicher noch ist es, wenn unser Geheimnis; eineeigene schlechte Handlung ist, die wir. um Alles gern in derWelt verborgen hielten, davon aber irgend eine unzuverlässige,zu aller Niederträchtigkeit fähige Person weiß. Damit habenwir unfern guten Ruf und Namen, unsere Ehre, unser Amt,-vielleicht unfern ganzen Wohlstand in Knechtschaft-ihm gegeben.-Schlechte und verschmitzte Menschen sind immer bereit, unsereSchwächen auszuforschen, denselben zu schmeicheln, sie zu Thor-Herten, zu unerlaubten Schritten zu verführen, um dadurchBotmäßigkeit über uns zu gewinnen. So oft hat allzugroßeVertraulichkeit zwischen Herrschaften und Dienstboten für dasGlück einer Familie die betrübtesten Folgen gehabt, und die-jenigen zrr sklavischen Dienern derjenigen erniedrigt, denen siegebieten sollten. So ist mancher Untergebene der Tyrann seinesVorgesetzten geworden, weil er ein Mitwisser von dessen Leicht-sinn und Bosheit gewesen. Wer gefehlt hat und einen Zeugenseiner Schuld hat, der vielleicht noch schlechter ist, als er selbst,kann leicht aus Furcht vor Schande und Strafe in noch größereVerbrechen willigen, um damit das Geheimniß seiner Schänd-lichkeit zu erkaufen.

Es gibt Andere, die aus Trägheit, oder weil sie gute Tagelieben, und doch nicht Vermögen genug haben, die Gelüste