Glück venoren gewesen: was soll ich mir für Hoffnungen vond e m machen, was ich noch zu leben habe? Vielleicht habe ichi schon mehr als die Hälfte meines Weges von der Wiege zumSarge zurückgelegt.
! Es ist wohlthättg für unfern Geist, daß er eben in diesenI Tagen, die allen Christen zu den feierlichsten gehören, mit sich
- selber zur Rechenschaft gehe. Wir gleichen in der That am Endeeines Jahres Sterbenden, die einen prüfenden Blick über dasVergangene werfen, und mit Hoffnung und Furcht auf das un-bekannte Künftige Hinschauen. Jeder gute Hausvater untersuchtjetzt den Zustand seines Vermögens, und prüft ihn sorgfältig,
^ ob er mit Segen gearbeitet habe. Aber nicht minder wichtig füruns ist auch eine Untersuchung unsers geistigen Vermögens. Undwie bestehen wir da? — Nicht ohne geheime Furcht, o allwissen-der Gott, denke ich an die Rechenschaft.' Ich suche zitterndnach meinen Tugenden, und begegne nur meinen Fehlern.
Doch soll mich meine Unwürdigkeit nicht schrecken, sondernzum Bessern ermuntern. Ich will mir muthvoll meinen inner-sten Zustand aufdecken, ohne mich von der Eigenliebe blendenzu lassen. Ich will mir nun die Fragen vorlegen, wie ich sie -mir in meiner Todesstunde vorlegen möchte; antworte du, meinunbestechliches Gewissen.'
Habe ich meine Zeit immerdar mir und Andern aufs nütz-lichste angewandt? Habe ich mit Lust und Eifer eben so gutdafür gesorgt, mir höhere, geistige Erkenntniß von Gott undseinen Werken zu verschaffen, als ich für Erwerbung körperlicherGeschicklichkeiten sorgte?
Habe ich stets Liebe und Ehrfurcht vor Gott bewiesen inGedanken, Worten und Werken? Hatte ich in meinen traurigstenStunden auch das innigste Vertrauen zu ihm, zu seiner Vor-sehung, zu seiner treuen Liebe? — War ich genügsam, mäßigund zufrieden mit dem, was mir Gottes Güte gab? Quältenmich keine unruhigen Wünsche nach dem Bessern, kein Neidgegen den Beglücktern? War ich wirklich dieses Jahr durchGenügsamkeit und Sparsamkeit so reich, daß ich noch etwasvon meinem Erwerb für Andere erübrigte?