irgend eines uns nahen oder fernen Menschen auf Erden, undzugleich die Geburtsstunde anderer sei. Für den, der in dasLeben eintritt, wie für den, welcher Ms dem Leben scheidet,ist diese Stunde gleich dunkel.
Geburt und Tod, wie ähnlich sind einander diese beidenwichtigsten Augenblicke! Nackt tritt der Sterbliche in die Welt;arm und nackl verläßt er sie wieder. Was hier ist, gehört unsnicht. Der unsterbliche Geist hat nichts, als Gott und sich selbst;aber das heißt, er hat das Weltall. Darum soll ihm, was derStaub gewähren kann, das Wenigste sein ; so wie überhauptsein Dasein auf diesem Erdenball das Kleinste ist von der Ewig-keit seiner Dauer. Der kürzeste und längste Zwischenraumzwischen Wiege und Sarg sind kaum von einander verschieden.Kann man denn sagen, der hundertjährige Greis, welcher seingebeugtes, silberhaariges Haupt zum letzten Schlafe niederlcgt,habe länger gelebt, als der kaum geborne Säugling, welcheran der Brust seiner weinenden Mutter die Augen auf immer fürdas Licht des Tages schließt, welches er kaum gesehen? — DasAthmen von wenigen Minuten oder von einem Jahrhundertsind gleichbedeutend; nicht die Zeit, sondern nur der Spielraumdes Lebens war verschieden. Der Geist des Säuglings,gleich unsterblich wie der Geist des Greises, lebtmit diesem fort; hundert Jahre hienieden, oderhundert Jahre in andern Verbindungen, in an-dern Wohnungen Gottes, sind einerlei Zeit.
Geburt und Tod, um beide ruht eine verschwiegene Finster-niß. Niemand weiß, woher er kam, als- ihn Gott rief. Niemandweiß, wohin er geht, wenn ihn Gott ruft. Wer sagt mir, obich nicht vielleicht schon war, ehe ich diesen Leib annahm? Wasist denn dieser Leib, der ja so wenig zu meinem Ich gehört,daß ich ihn im Zeitraum eines fünfzigjährigen Lebens mehrmalsändere, wie ein Kleid? Dasselbe Fleisch und Blut, welchesich als Säugling hatte, habe ich nicht mehr in der spätemJugend, und als Mann sind die Thcile meines Körpers längstverdunstet und verflogen, die ich in den frühem Jahren meinnannte. Nur der Geist bleibt sich im Wechsel seiner irdischen