298
Niemand da, den ich beleidigte, und habe ich mir seine Ver-zeihung zngestchert? Ist Niemand da, der mich beleidigt hat,und hasse ich ihn noch, lebe ich noch in Unzufriedenheit mitihm? —
Sterben werde ich — das ist gewiß. Aber werde ich imHerrn sterben? Habe ich im Herrn gelebt? O, ich muß meinAngesicht vor Dir schamlos verhüllen, Herzenskundiger, Alles-erforschet, allheiliger Vergelter! denn ich fühle, indem ich michselbst prüfe, daß ich nicht ganz vorwurfsfrei bin. Zch habe nochVieles^ut zu machen, das ich böse gethan. Ich habe noch Vielesversäumt, das nicht vergessen sein darf. Ich habe nichtimmer in Dir, mein Jesus, gelebt, — wie könnte ich nunfreudig in Dir sterben? Es war nicht leicht, jedem meinerBekannten durch irgend eine gute Eigenschaft gefällig, in irgendeiner vortheilhaften Stunde nützlich zu sein — und doch geschahes nur selten. Oft geschah wohl leider das Gegentheil! Ach,ich wage kaum daran zu denken.
Aber, vernimm es, allgegenwärtiger Gott, ich will darandenken; ich will verbessern, ersetzen und das Versäumte nach-holen. Ich will in meinem Jesu leben, um einst, schon seligin der Todesstunde, im Herrn entschlafen zu können, mit demBewußtsein: es bleibt Niemand übrig, den es gereut, mich ge-kannt zu haben. Darum gilt auch mir das Wort vom Himmel:Selig sind die Tobten, die in dem Herrn sterbenvon nun an. Ja, der Geist spricht: daß sie ruhenvon ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnennach!