Vsn dem Allem weiß das Thier nichts. Die klügste Thierseeleist unfähig, Ahnung von der Höhe zu haben, auf welche sichder Gedanke eines unmündigen Kindes schwingt. Die Thierseelehat zwar Willen; allein sie will nur, was ihr Leib begehrt,und handelt nach den Trieben desselben. Der Menschengeist aber,wenn er in angebornem Adel dasteht, kennt ein höheres Gesetz,als das Gesetz irdischer Triebe; er gehorcht nicht dem Fleische, inwelchem er herbergt, sondern allein sich selbst; das heißt, denGesetzen seiner Vernunft, die das Gute und Böse, Gerechtigkeitund Schuld unterscheidet. Wer Niemandem gehorcht, als seineneigenen Gesetzen, ist frei. So ist Ser menschliche Geist der Frei-heit fähig. Die Thierseele, diese Sklavin der sinnlichen Triebe, istdurchaus von jenem verschieden. Der Geist gehört dem Göttlichen,Die Thierseele dem Fleischlichen.
Aber der menschliche Geist ist mit jener Thierseele durch dieBanden des Staubes noch innig verknüpft. Oft ist der Geistkaum seines Daseins mächtig ; die Thiers ele, aus seinem Leibehervorgehend, überwältigt die erhabene Kraft in ihm. Also entstehtrin doppeltes Gesetz in des Menschen Brust. Er thut nicht immerDas, was der Geist will; sondern das, was er hasset, das thut er.Darum sagte Paulus, der Hocherleuchtete: „Ich sehe aber einanderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetzein meinem Gemüthe, und nimmt mich gefangen in der SündenGesetz, welches ist in meinen Gliedern." (Röm. 7, 23.)
Auch darin ist noch der Geist, ungeachtet des Bewußtseinsder unsterblichen Dauer, der Thierseele ähnlich, daß er Allesum sich her erkennet, aber von der Beschaffenheit seiner eigenenNatur nichts weiß. Er ist mit Allem vertraut, nur sich selbstist er ein Fremdling, und kann nicht sagen, was oder wie er sei.Das Irdische überschaut er mit ordnender Klarheit, allein dasGeistige ist ihm unergründlich, wiewohl er selbst Geist ist.
Hat mit dem Menschengeiste die Kette der höhern Wesen undKräfte ihr Ende? O, wie kurz wäre sie! Wer kann glauben,wo Alles im Weltgebäude den Stempel der Unendlichkeit trägt,daß mit blinden Naturkräften, Lebenskräften, Thierseelen undMenfchengeistern der Kreis der edlem Naturen geschlossen sei?