151
Wonnen bezahlst du ihm in dem himmelvollen Augenblicke mitallen Reichthümern der Erde nicht; und die Mutter empfindetes tief und spricht: Nehmt mir Alles, ich bin dennoch selig!Königinnen können elend sein, und Bettlerinnen selig!
Siehe, das ist ein Anklang der reincrn Saite des Herzens —ach, warum lassen wir diese Saite so oft wieder verstummen?Was zieht uns denn Alle mit so unwiderstehlicher Gewalt zuder schönen Kinderwelt hin? Was ist denn für eine unsichtbareMacht, die beim Anblick eines Kindes selbst den Barbaren rührt,und .das Herz des Fremdlings fesseln kann? Es ist die argloseSicherheit, die heitere Unschuld, die freundliche Anmuth in demkindlichen Wesen, was uns entzückt. Es ist das unbefleckte,reine Gemüth dieser Engelsnatur; es sind die dunkelnHoffnungen von einer herrlichen Zukunst des Kindes, und wiees — wenn es im spatern Alter ohne Sünden in diesen Tu-genden da stände — die Liebe der Welt werden würde. Wirverehren in ihm die unentweihte Heiligkeit des Her-zens, welches noch keine Ahnung vom Bösen hat. Es istnicht das Aeußere, nicht Fleisch und Blut, was unser hohesWohlgefallen erregt, sondern das Reine, Himmlische, was unsaus dem unbefangenen Blick, aus den Hellen Mienen des Kindesanstrahlt. Es ist unser eigenes, angebornes Tugendgefühl, wasuns begeistert, ohne daß wir es ahnen. Wir werden im Um- ^gang mit den frommen Kleinen frömmer, edler, weiser; wirscheuen uns, mit unfern Fehlern vor ihnen zu stehen, und werdiese nicht auszutilgen Muth hat, verbirgt sie wenigstens vorihnen. Wahrlich, wir können im Umgang mit Kindern mehrlernen, besser und weiser werven, als oft mit den weisestenLeuten unserer Bekanntschaft. Lasset die Kindlein zu mir kommen,sprach Jesus, denn ihrer ist das Himmelreich.
So ist es denn aus allen Erfahrungen aller Lebensaltererwiesen und offenbar, daß die allergrößte Glückseligkeit, derender Mensch je fähig ist, nicht daher stammt, daß er viel habe odersei, sondern daß er ein reines Herz trage. In den Augen-blicken des unnennbarsten Entzückens ist auch immer sein ganzesTugendgefühl am stärksten erregt. Da ist er gut; da ist er frei