sah die heißen Thränen, die vergebens die geliebte Seele vomHimmel zurückflehten. Auch ich war einsam! O meine Wundenbluten noch heute. So trauerten die Geliebten Jesu um ihrengöttlichen Freund. Sie ermannten sich nur im Tröste seinerLehre, in der Hoffnung seiner Verheißungen: Ueber ein Kleines,und wir werden uns wieder sehen!
Nun hatte die Verfolgung, nun alles Uebel des Erdenlebens,nun selbst der Tod nichts Erschreckliches mehr für sie. Es warihnen nun süß, für ihn und seinen Namen zu leiden; süß, fürihn zu sterben. Diese heilige und zärtliche Begeisterung derFreunde Jesu hatte jedoch, selbst nach dem gewöhnlichen Gangeder menschlichen Denkart und Empfindungen beurtheilt, nichtsAußerordentliches. Wer weiß es denn nicht, daß wir das nurnoch herzlicher zu lieben pflegen, was uns auf immer entrissenworden ist? Wer weiß es denn nicht, daß sich um das Bildeines entschlafenen Geliebten immer die schönsten Erinnerungenunfers Lebens versammeln; daß durch sein Andenken gleichsamAlles geheiligt wird, was er berührte; daß jedes Wort,welches aus seinem Munde gesprochen, nun für nnser Herzviel höhere Bedeutung gewinnt; daß sich unser eigenes Ge-müth im Emporblicken zu dem Verklärten, erhabener fühlt undveredelter?
Doch die Zeit, deren weiche Hand endlich Alles heilt, lindertauch den tiefsten Schmerz der Seele. Es weicht die schwermüthigeSchwärmerei wieder vor den nahen, lebendigen Gestalten derWirklichkeiten, und Vieles, was im ersten Aufwallen der Ge-fühle beschlossen worden, wird als unausführbar zurückgestellt,oder nach kälterer Ueberlegung geändert.
Auch die Freunde und Freundinnen Jesu wurden beruhigterim Laufe der Stunden — ihre Thränen mußten versiegen. Abermit ihren Thränen und Schmerzen hörten nicht ihre großen Ent-schlüsse auf. Ihre Gesinnungen gegen Jesum blieben sich gleich.Keine Zeiten verminderten jene erste, liebevolle Begeisterung.Mit jenem heiligen Feuer, mit jener Unerschrockenheit, mit jenerSehnsucht, ihm gleich zu werden, wie sic am Tage der Pfingstenvor dem erstaunten Volke Jerusalems geredet hatten, gingen sie