-1
420
1 .'
Gegen Gott aus Bosheit fehlen wollen, wäre Wahnsinn undRaserei. Sondern wir fehlen aus Leichtsinn — wir fehlen beimbesten Willen, bei den besten Vorsätzen. Und Gott sollte diesemLeichtsinn unversöhnlich zürnen? — Fern sei von allen christlichenSeelen dieser gräßliche Gedanke: er ist Gotteslästerung.
Dennoch finden wir heutiges Tages hin und wieder geistlich-kranke Gemüther, die sich mit der über Alles erhabenen Gnadeund Barmherzigkeit Gottes nicht ver.raut machen können; diein Gott nicht den Vater, sondern den furchtbaren Richter sehen,nicht den Gott des neuen Bundes, der seinen Sohn in die Weltzu ihrer Beseligung sandte, sondern den Gott des alten Bundes,welcher nur unter Blitz und Donner auf Sinai erschien.
Es gibt Christen, die noch immer des sanften Christus müdenGeist und Gottes Größe und Güte verkennen; die noch nichtdas reine Christenthum, das heißt, den Geist der Kindschaft unddes unbegrenzten Vertrauens, sondern den Geist der Knecht-schaft und der Furcht haben, gegen welchen Jesus und seineApostel so vielmals eiferten.
Diese, in manchen Gegenden herrschend werdende Schwer-mut!- und Niedergeschlagenheit des Gemüths ist vielleicht oftnur die Folge eines ungesunden, heimlich kränkelnden, nerven-schwachen Körpers, der sich gleichsam wie Blei mit Zentner-schwere an die Flügel des Geistes hängt, der sich gern zu seinemGott vertrauensvoll aufschwingen möchte. In solchen Fällensoll der Mensch sich wohl prüfen; er soll seinem eigenen Unheilselbst nicht trauen; er soll dem Rath rechtschaffener Freunde undeines verständigen Arztes mehr, als seinem aus Kränklichkeitentstandenen Eigensinn, glauben. Er soll sich zerstreuen, gleich-sam mit Gewalt nach Erheiterung ringen; soll jeden Anlaß zurTrauer, jede Einsamkeit fliehen. Er wird nur dann erst mitErquickung zu Gott beten, wenn er mit Freudigkeit die Ge-schäfte und Pflichten des irdischen Lebens erfüllen und mit In-brunst zu Gott beten kann. Er wird nur bann erst den Segender Religion in seinem Gemüthe empfinden, wenn er denknechtischen Sinn von sich entsemt hat; wenn er nicht Gottfürchtet, sondern Gott mit hingebender Zuversicht liebt; denn