wenn ich nicht eine immerdar gleiche Lebhaftigkeit derselben vonmir fordere. Gott selbst fordert sie nicht, denn er gab uns dieKraft dazu nicht. Wir kövmen einen Freund, eine Freundin,wir können Aeltern, wir können Kinder mit größter Zärtlich?keit lieben, ohne beständig in jenem Entzücken zu schwimmen,welches wir nach langer Trennung von ihnen im ersten Augen?blicke des Wiedersehens zu fühlen pflegen. — Ich kann es,sowohl in Rücksicht der Gefühle, als der Gedanken, wenn ichdie dazu schickliche Zeit erwähle, in der ich mein Gemüth vonandern Sorgen zu befreien fähig bin. Der Mensch denkt undhandelt in der Zeit. Er ist im gleichen Augenblicke nicht zweiverschiedener Gedanken und zwei verschiedener Gefühle zugleichmächtig. Er muß in jedem Augenblick und auf jeder Stelleimmer das ganz sein, was der Augenblick und die Stelle vonihm fordert. Wer zweien Herren dienen will, wird beiden un-nütz. Gehöre zur rechten Zeit Gott, zur rechten Zeit dem Glückund dem Wohlergehen deiner Mitmensch»-. Wenn die heiligeSchrift gebietet: habe Gott beständig vor Augen, so heißt diesnicht, unaufhörlich an Gott denken. Menschen, die dies ver-suchen, treiben das Unmögliche. Sie werden Träumer oderSchwärmer, Kopfhänger und endlich frömmelnde Heuchler,die sich selbst täuschen.
Am leichtesten geschieht die Vergegenwärtigung frommerGesinnungen durch Annahme eines festen Lebensgrundsatzes,dessen Wahrheit und Erspicßlichkeit uns vollkommen einleuchtet.An einen solchen Grundsatz, dem unser Inneres gleichsam Treuegeschworen hat, können wir uns selbst im vollkommensten Ge-tümmel des Lebens erinnern. Ein flüchtiger Gedanke daran istgenug, uns die gehörige Richtung und Stärke zu geben, daßwir wohlgefällig vor Gott wandeln, wenn wir gleich nicht beten.
Wähle dir einen solchen Grundsatz nach deinemeigenen Bedürfnis; und die Abschaffung deines größtenFehlers, desjenigen, der dir die meisten Unannehmlichkeitenverursacht, oder der den Andern am kränkendsten ist, das istdein dringendstes Bedürfnis. Alles wird dich dann imgemeinen Leben an deinen Grundsatz erinnern, und dein Fehler,