Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
355
Einzelbild herunterladen
 

355

dir eine Hochachtung nicht verweigern, welche ihr Mund ver-gebens wegzuläugnen sucht. Du wärest der Gegenstand ihrerVerachtung geworden, hättest du ihnen gehört.

S;i schamhaft gegen dich selbst, Kind Gottes,Kind des Allerheiligsten! Und du wirst durch die Hoheit deinerTugend auch Andere für sie gewinnen. Denn was der Mensch,auch wider seinen Willen, bewundert, das muß er auch widerseinen Willen lieben. Befördere die Sittsamkeit in deinemhäuslichen Kreise. Groß ist zwar die Gewalt lasterhafter Bei-spiele, aber gewaltiger ist noch das Beispiel wahrer Tugend.Zeig; deinen Abscheu vor dem Schändlichen und Zuchtlosen,und Niemand wird vor Dir diesen Namen haben wollen. Manwird dich mit Ehrfurcht umringen und dir nachahmen.

Vor Allem präge das Gefühl der Schamhaftigkeit ins zarteHerz ein. Was ist lieblicher, als die holde Bescheidenheit unddie zarte Furcht vor jeder Unschicklichkeit! Wie schön ist es, dieUnschuld vor sich selbst-zittern, vor sich selbst erröthen zu sehen,die sonst vor Niemand zittert, und arglos Jedem ins offeneAuge blickt! Aber nicht an der äußern Sittsamkeit genügedir, lerne schamhaft vor dir selbst und vor dem Blicke des All-gegenwärtigen sein! Lerne nicht nur unanständige Vorstellungenmeiden; nicht nur den Menschen fliehen, der thierisch sich selbstvergißt; sondern dich selber fliehen, wenn unreine Bilder sichaufdrängen wollen.

Uebe dich selbst, nur das Nützliche zu thun, aber die Weich-lichkeit des Müßiggangs, das wilde Geträum der Einbildungenzu fliehen. Härte dich selbst in einem thätigen Leben ab,welches der Wollust feind ist.. Gewöhne dich selbst, nur Ge-schmack zu gewinnen an den Werken der Weisen, die das Herzbessern, Gesinnungen reinigen, den Verstand aufklären, dieVernunft wirksam machen; hingegen Ekel empfinden vor denzwecklosen, oft unschicklichen Dichtungen falsch geleiteter Ein-bildungskraft. Uebe dich selbst in der Kunst der Selbstbeherrschung,der Selbstverläugnung und des Entbehrens dessen, was die Sinneam meisten reizt und schmeichelt. Mache in dir selbst die Achtungfür eigene Seelengröße, für eigene Geisteshoheit mächtiger, als