Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
312
Einzelbild herunterladen
 

312

So mag das Streben nach äußerer Schönheit nicht nurdem Jünglinge und der Jungfrau, sondern selbst dem Manneund Greise, statt zum Tadel, zum Ruhm gerechnet werden.So mag dieses Streben ein Verdienst der wirthlichen Hausfrauheißen, welche über Alles, was sie umgibt, Anmuth, Gefällig-keit und Reiz zu verbreiten, und durch Verschönerung selbst denalltäglichsten Dingen neuen Werth zu geben sucht.

Es liegt tief in der menschlichen Natur, daß wir unwillkürlichsind und werden, wie das ist, was wir außer uns wahrnehmen.In reinlichen, ordnungsvellen Zimmern werden wir zu Allemgeneigter sein, was anständig und edel ist; im Staub und Un-rath des häuslichen Lebens sinkt auch unser Gemüth gleichsamvon seiner Erhabenheit nieder, und verzeiht sich leichter unreine,niedrige Gefühle. Die Schönheit des Weibes flößt selbst Bar-baren Ehrfurcht, die Lieblichkeit eines Kindes selbst FremdlingenZuneigung ein. Eines Greises ehrwürdige Gestalt, seine eis-grauen dünnen Haarlocken, erfüllen uns unwillkürlich mit stillerAchtung; so wie Unreinlichkeit und Mangel der Ordnung, wowir sie erblicken, Ekel erregen. Wir malen uns das Verbrechenhäßlich; des Lasterhaften Blicke finster, tückisch; die Züge derVerzweiflung verzerrt, das böse Gewissen mit düstcrn Gebcrden.

So sehr aber auch das Streben nach äußerer Schönheit aller-dings mit Religiosität vereinbar ist, und dein Christen geziemt,kann cs doch durch Uebertreibung eben sowohl zum großen Fehlerwerden, als Vernachlässigung wirklich ist.

Es wird zum Fehler, wenn der innere Werth der Dingeüber den äußern Glanz versäumt wird; wenn das Hauswesenzwar mancherlei zeigt, was das Auge deS Fremden blendet undUeberfluß verkündigt, aber daneben oft das Nothwendige man-gelt; wenn die Kleider Reichthum verrathen, aber Armuthsich hinter den Schmuck verbirgt; wenn im schön geziertenKörper ein verdorbenes Herz schlägt, ein roher Geist wohnt. Dasind nur übertünchte Gräber, unter welchen Moder und Verwesungreift. Nein, wie die Blume mit aller Pracht aus der eigenthümlichenBeschaffenheit ihrer Pflanze hervorgeht: so muß die wahre Schön-heit des Menschen aus dem Wesen seiner Umgebungen aufblühen.