202
zweifeln anfangen? Wann würde ich enden? Wohin sollte michdas führen? Hilft denn das bloße Wissen zum Seligwerden?Ist denn eine Meinung so oder anders das höchste Verdienst,welches der Mensch sich erwerben kann? — Nein, Gelehrsam-keit ist ja nicht Religion; Vielwissen ist ja nicht Christenthum.Christum lieb haben ist besser, als alles Wissen.Und Christum lieb haben, heißt Gott lieben, dessen Willen eruns verkündigte. Gott lieben heißt aber den Willen thun unsersewigen, weisen Vaters im Himmel.
Zudem, worüber sollte ich forschen? In welchen Zweigender Religionskenntnisse sind denn die Sterblichen getrennterMeinung? — Nur in denjenigen, die wir, so langewir aufErden in Unvollkommenheit wandelnmüssen, niemals ergründen können! Oder wer hatGott gesehen, und weiß zu sagen, wie der Ewige sei? Wermag das Verhältniß Jesu Christi zu seinem und unserm Vaterkennen? Wer durchblickt die Geheimnisse der Gottheit? Wiesollte es der arme Sterbliche können, der nicht-einmal dasGcheimniß ergründet, wie der Grashalm aus unbekannten,wunderbaren Kräften zusammengebaut ist.
Ach, wir wissen selbst aus der Natur alles Irdischen noch sowenig: wer möchte sich an die Natur des Geistigen und Uebcr-irdischen wagen? Erfahren wir nicht an den Gelehrtesten undEinsichtsvollsten, welche die Natur der Dinge zu erforschen unter-nahmen, daß sie zuletzt nur so viel gelernt hatten, daß sie wenigerwußten, als sie ehemals zu wissen geglaubt hatten. Wohl istunser Wissen hienieden Stückwerk, und Nichts mehr, als das.Wenn aber einst kommen wird das Vollkommene, so wird dasStückwerk aufhören. (1. Kor. 13, 9. 10.) Dann erst werden»vir alle hinankommen zu einerlei Glauben und zur Erkenntnißdes Sohnes Gottes. (Ephes. 4, 13.)
Das Göttliche liegt jenseits der Grenzen unsererbeschränkten Vernunft: wer hat Flügel, sich über jeneSchranken hinwegzuschwingen, welche Gottes Hand selbst er-richtet hüt? Das Ewige liegt jenseits des engen Raumes zeit-licher Stunden: wer reißt sich selbst heraus, und durchfchwebt