Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
189
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geliebten Gegenstand zu thcilen, seine Klagen einer innig ver-trauten Seele eröffnen zu können; aber Jahre, Umstände, Sitten,Ungleichheit der Schicksale und Meinungen haben unterm Mondeschon so manchen Freundschaftsbund gebrochen! Nur dieNeigung und Ehrfurcht des Kindes zu den Aeltern läßt sichnicht ganz brechen. Und wenn wir die Gespielen unserer Jugend-tage, die Genossen unserer männlichen Leiden, in neuen Zer?streuungen und fremden Verhältnissen vergessen haben: seineAeltern kann doch auch das ungcrathenste der Kinder nie ver-gessen, cs muß ihrer gedenken, sei cs mit zärtlichem Entzücken,mit liebender Wehmuth, oder mit der Bängigkcit eines zitterndenGewissens.

Zwar heilig ist auch das Band der Ehe, welches den Gattenmit der Gattin verbindet. Aber wie oft haben Leidenschaft undUcberdruß dies Band wieder zerrissen; wie oft haben spätereZeiten die Flammen der ersten Liebe verlöscht; wie viele Schei-dungen folgten den heiligsten Schwüren! Nur das Herz desKindes scheidet keine Leidenschaft, kein Ucberdruß, keine spätereZeit vom Herzen der Aeltern. Auch das ungcrathenste der Kindersiebt mit dein Schmerz eines vorwurfsvollen Bewußtseins aufdie Tage der Jugend zurück, da cs harmlos im Arm des Vatersruhen, und sich der unveränderlichen Muttertrcue erfreuen konnte,und erröthet, wenn cs sich von denen entfernt und derer sich. unwürdig gemacht hat, welchen es sein Dasein, seine Erziehung,die erste Grundlage seines jetzigen Wohlseins schuldig ist.

Manche Tugend ist untcrgegangen, manche schöne Empfindungstarb unter dem Gifthauch der Verführung; aber die Verehrungder Aeltern kann, auch in dem vollendetsten Bösewicht, nichtganz vertilgt werden. Noch heute, wie in dem grauen Alter-thum der Menschheit, spricht jedes menschliche Gefühl: EinAuge, das den Vater verspottet, und verachtet der Mutter zugehorchen, das müssen die Raben am Bache aushacken, und diejungen Adler fressen. (Spr. Sal. LO, 17.) Nein, die Ehrfurchtvor den Aeltern ist unter allen Tugenden des Menschen dieerste, welche es empfindet, kennen lernt und übt; sie treibt ihreWurzeln am frühesten in die Tiefe des kindlichen Gemüthes