AUd anspruchlose Würde Aller Herzen fesselt. Die Schönheidgewinnt schnelles Gefallen, doch wird sie dasselbe nicht fest,halten. Die Anmuth macht auch äußere Mängel liebenswürdig,und gründet zwar langsam, doch dauerhafte Herrschaft.
Das Streben, zu gefallen, und durch das Gefällige mächtigzu sein, ist im Wesen des weiblichen Geschlechts. Nur zugewöhnlich wird das Anmuthige schon durch Erziehung ver-wechselt mit äußerlicher Artigkeit, mit Anständigkeit in Haltungund Bewegung, mit Feinheit der Sitten. Dies jedoch istnur Schminke auf verblichenen Wangen, Nachkünstelung desFehlenden. Anmuth ist Natur und Gesundheit selbst, welcheWangen röthct. Wie Schönheit der sinnliche, so ist Anmuthder geistige Liebreiz, welcher die Körperhülle durchstrahlt undsie veredelt.
Die Erfindungen des Geschmacks in Verzierungen undBekleidungen, die kleinen gefälligen Kunststücke des geselligenLebens, können erlernt oder nachgeahmt werden. Allein sieHaben das gewöhnliche Schicksal der Nachahmungen, daß mansie bald gering schätzt, weil sie mehr oder weniger von derWahrheit entfernt stehen. So wie sich die Stärke, Geisteskraftund Denkart des Mannes in seinen Gcsichtszügen ausspricht,in seinen Worten, im Ton seiner Stimme, in seinem Gang,in seinen Bewegungen, ohne daß er es beachtet, so verkündetsich die Unschuld, Milde und Holdseligkeit des weiblichenGemüths im Aeußcrn ohne Kunst und Wollen. Nicht derGeschmack der Mode gibt Anmuth; sondern die Anmuth derSeele, indem sie sich auch im Unbedeutendsten offenbart, gibtdas Gesetz des guten Geschmacks. Nicht Allen steht Alles wohlun; einer Jeden nur das, was ihrem inncrn Sinn am be-stimmtesten entspricht. Je edler dies Innere, je edler ist dasReußere. Darum mißfallen jene durch geile Gefallsucht undMode entblößten, halbnackten Gestalten, denn sie verkündenden Mangel innerer schöner Verschämtheit; darum ist höhereAnmuth in äußerer Reinlichkeit und Einfachheit, als im reichstenPutze, denn jene stellen bildlich die Tugenden des Weibes, diesedie Eitelkeit desselben dar.