ob man nicht schon jetzt das Auge auf dich gerichtet hat, dichbeobachtet, belauscht und ertappt?
Lächle immerhin, Leichtsinniger, und zerstreue dich und dieängstlichen Besorgnisse, und sprich in deinem Herzen: DasUnglück wird nicht so leicht über mich kommen. Man muß nurnicht an so etwas denken. Es ist Mährchen, was da gedrohtwird, womit man Kinder und leichtgläubige Thoren schreckenkann, aber nicht mich! — Geduld, deine Stunde wird schlagen,und du wirst wie verwandelt dastehen, und eben so feig ver-zweifeln, als du feig erweise die Tugend verließest.
Lächle immerhin, Klügling, und tröste dich damit: daßman doch nicht alles im Verborgenen geschehene Unrecht erfahre.Weißt du denn, der du mit dir genug zu schaffen hast, wasAndern geschah? Kennst du die Begebenheiten und Leiden jederFamilie? Kennst du sie von vielen Einzelnen, die, mit derNatter in der Brust, noch umhergehen, gezwungen lächeln,noch 'lieber sich verbergen, und mit verhehltem Schmerz ausder Welt gehen? Urtheile nicht zu früh; du wirst einst diesemUrtheile fluchen.
Etlicher Menschen Sünden sind offenbar, daßman sie vorher richten kann; etlicher aber werdesthernach offenbar.
Es ist beinahe zweifelhaft, wer unter beiden verächtlicherund verabscheuungswürdiger sei, der öffentliche Sünder, oderder geheime Verbrecher.
Der Mensch, dessen Sünden offenbar sind, trägt seineSchande vor aller Welt zur Schau, und über ihn ergeht dasUrtheil der Welt. Als Verbrecher gegen bürgerliche Ordnungenund Gesetze duldet er die daran haftende Strafe; als Verbrechergegen die guten Sitten leidet er die Entehrung in der öffentlichenMeinung, die er verdient. Er entbehrt Vieles — er entbehrtdas Glück des Lebens; er weiß es, die bessern Menschen ver-achten ihn; er weiß es, man könne ihn nicht hochschätzen; Keinerliebt ihn mit Innigkeit; Keiner wagt es, sich ihm offen zu ver-trauen. Viele, in deren Umgang er glücklich gewesen wäre,halten ihn von sich entfernt; sie besorgen, in näherer Ver-