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ist der Stein: aber weil er durch sich selbst nicht sündigen kann,mag er deshalb tugendhaft zu nennen sein? Ohne Gelegenheitzur Sünde ist der Gefangene im Kerker; aber mag er deswegentugendhaft heißen, weil ihm die Mittel zur Sünde fehlen?
Ohne die Lebhaftigkeit und den Reiz unserer Gefühle, die sichnur zu oft gegen die bessern Ueberzeugungen der Seele empören,hätte unser zur ewigen Dauer berufener Geist kein Mittel, seineKraft zu vermehren, und jenen Grad innerer Vollkommenheitzu erschwingen, der uns schon in diesem Leben und im Lebenjenseits der Todesstunde näher zur Gottheit führt. Denn nichtdurch Stillstand, sondern im Kampfe erwächst die Stärke; nurArbeit vermehrt die Kraft; Ruhe erschlafft sie. Wo kein Ringen,da ist kein Sieg.
Weit entfernt also, daß wir uns über die Heftigkeit unsererGemüthsbewegungen zu beklagen haben, ist Empfindsamkeit dieErweckerin der Tugenden, die Prüferin unserer Geisteskräfte.Der gefühlvolle, reizbare Mensch ist zu allen großen Untersnehmungen am feurigsten, zu allem Guten am leichtesten ent-schlossen, während der Träge, weder zum Guten noch Bösenaufgelegt, mehr einem Tobten glicht, als -einem Lebenden.
Die vorzüglichsten und liebenswürdigsten der Menschen warenimmer diejenigen, welche unaufhörlich von Empfindungen jederArt belebt wurden, die sie aber zu beherrschen wußten. Diefurchtbarsten Bösewichter waren die, welche sich vom Umgestünreiner Hauptempfindung beherrschen ließen. Wer möchte nichtdiese Unglücklichen beklagen? Sie hatten wahrlich die glänzend-sten Anlagen, Wohlthäter ihrer Mitmenschen zu werden.
In dem unordentlichen Streit der Begierden, Triebe undTcfüyie gegen die Vorschriften der Religion, gegen die Grund-sätze der Vernunft, soll sich und kann sich allein unser unsterblicherGeist in seiner bewundernswürdigen Größe zeigen. Nirgendssonst. Er soll nicht Sklave seines Leibes und seiner leiblichesGefühle und Begierden sein, sondern ihr unbeschränkter Herr.Es ist keine Kunst, andere Menschen durch Ueberlegenheit vonGewalt oder Einsicht zu beherrschen. Aber sich selbst beherrschenkönnen, den schmeichelnden oder schmerzlichen Empfindungen