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Religiöser Zustand im Allg.
Was zunächst im Allgemeinen den religiösen Zu-stand der Waldenser betrifft, so darf man ihn von demStandpunkte einer freien evangelischen Richtung aus, nur füreinen günstigen halten, in so fern man nicht außer Acht läßt,daß in der kampfenden Kirche immer Vollkommneres mit Un-vollkommncm gemischt ist, und daß das hier und da sichtbardem Reiche Gottes Widerstrebende immer eine grellere Farbeannimmt als die bescheidene Wahrheit, und leichter das Augeund mit ihm das Urtheil blendet. — Der regiöse Sinn istdurchschnittlich lebendig, und nur hier und da muß man ihnkrankhaft nennen, weil Gegensätze mit einander in Kampf ge-treten sind. Forscht man parteilos nach dem Grunde dieserErscheinung, so darf man den Waldenser Predigern nicht Rechtgeben, wenn sie die Schuld auf mcthodistische Prediger, welchehäufiger ihre Thäler besuchen, werfen, denn offenbar liegt ja ineinem Gegensätze immer die Veranlassung zum andern. In derGemeinde zu St. Jean, wo die Gegensätze am heftigstenhervortreten, liegt er in der Nichtbcfriedigung des religiösenBedürfnisses durch einen früheren Prediger, den das hohe Al-ter stumpf gemacht hatte, und ähnlich ist es auch in einigenandern Gemeinden. In jener wirkt jetzt ein junger geistesfreicrMann, dem es durch eine besonnene Nachgiebigkeit bei seinerevangelisch freien Richtung wohl gelingen wird, den einge-schlichnen Jrrthum wieder auszurotten. Es weigern sich nehm-lich die Separatisten dieser Gemeinde, an der allgemeinenCommunion Theil zu nehmen, weil sie mit den Sündern nichtdas Abendmahl gemein haben könnten, und berufen sich fürmanche ihrer Jrrthümer auf die heilige Schrift, die sie in ei-nem buchstäblichen, oft geistlosen Sinne auslegen, und einzelneStellen außer ihrem Zusammenhänge den Gemäßigteren, wel-che vergebens darauf dringen, daß man andere deutlicheremit jenen zufammensicllen solle, cntgegenhalten. Wie imWortstreite stellen sie sich auch im Leben jenen gegenüber,die bei vcrschicdner Form doch auf demselben Grunde mir ih-nen stehen, und sprechen das Vcrdammungsurtheil sowohlüber sic, als auch über die Jndiffercntistcn. Man muß je-doch anerkennen, daß die Zahl dieser Engherzigen sehr gering