Druckschrift 
Shakspeares Maedchen und Frauen
Entstehung
Seite
128
Einzelbild herunterladen
 

128

.JULIE.

nicht das benanule Menschen paar, sondern die Liebeselbst ist der Held in diesem Drama. Wir sehen hier dieLiebe jugendlich übermüthig auftreten, allen feindli-chen Verhältnissen Trotz hielend, und Alles besiegend...Denn sie fürchtet sich nicht, in dem grossen Kampfe zudem schrecklichsten aber sichersten Bundesgenossen,dem Tode, ihre Zuflucht zu nehmen. Liebe im Bünd-nisse mit dem Tode ist unüberwindlich. Liebe! Sie istdie höchste und siegreichste aller Leidenschaften. Ihreweltbezwingende Stärke besteht aber in ihrer schranken-losen Grossmuth, in ihrer fast übersinnlichen Uneigen-nützigkeit, in ihrer aufopferungsüsehtigen Lebensver-achtung. Für sie giebt es kein Gestern und sie denkt ankein Morgen.. . Sie begehrt nur des heutigen Tages,aber diesen verlangt sie ganz, unverkürzt, unverküm-mert... Sie will nichts davon aufsparen für die Zu-kunft und verschmäht die aufgewärmten Reste derVergangenheit...«Vor mir Nacht, hinter mir Nacht«...Sie ist eine wandelnde Flamme zwischen zwei Fin-sternissen. .. Woher entsteht sie?... Aus unbegreiflichwinzigen Fünkchen!... Wie endet sie?... Sie erlöschtspurlos, eben so unbegreiflich... Je wilder sie brennt,desto früher erlöscht sie. . . Aber das hindert sie nicht,sich ihren lodernden Trieben ganz hinzugeben, als dau-erte ewig dieses Feuer...

Ach, wenn man zum zweitenmal im Leben vonder grossen Glut erfasst wird, so fehlt leider dieserGlaube an ihrer Unsterblichkeit, und die schmerz-lichste Erinnerung sagt uns, dass sie sich am Endeselber aufzehrt Daher die Verschiedenheit der