ORTIA.
Der Cassius dort hat einen hohlen Blick ;
Er denkt zu viel; die Leute sind gefährlich.
War’ er nur fetter ! — Zwar ich furcht’ ihn nicht;
Doch wäre Furcht nicht meinem Namen fremd ,
Ich kenne Niemand, den ich eher miede,
Als diesen hagern Cassius. Er liest viel;
Er ist ein grosser Prüfer, und durchschautDas Thun der Menschen ganz; er liebt kein Spiel,
Wie du, Antonius; hört nicht Musik;
Er lächelt selten, und auf solche Weise,
Als spott er sein, verachte seinen Geist,
Den irgend was zum Lächeln bringen konnte.
Und solche Männer haben nimmer Ruh’
So lang sie jemand grösser sehn als sich;
Das ist es, was sie so gefährlich macht.
Cassius ist Republikaner, und wie wir es oft bei solchenMenschen finden, er hat mehr Sinn für edle Männerfreund-schaft als für zarte Frauenliebe. Brutus hingegen opfertsich für die Republik, nicht weil er seiner Natur nachRepublikaner, sondern weil er ein Tugendheld ist, undin jener Aufopferung eine höchste Aufgabe der Pflichtsieht. Er ist empfänglich für alle sanften Gefühle, undmit weicher Seele hängt er an seiner Gattin Portia.
Portia, eine Tochter des Cato, ganz Römerin, istdennoch liebenswürdig, und selbst in den höchstenAufflügen ihres Heroismus offenbart sie den weiblich-sten Sinn und die sinnigste Weiblichkeit. Mit ängstlichenLiebesaugen lauert sie auf jeden Schatten , der über dieStirne ihres Gemahls dahin zieht und seine bekümmerten