Druckschrift 
Shakspeares Maedchen und Frauen
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

(las im Wissen seine Lust befriedigt, nicht im Leben.Obgleich dieser berühmte Doktor, der Normal-Deutsche,endlich nach Sinnengenuss lechzt und schmachtet, suchter den Gegenstand der Befriedigung keineswegs auf denblühenden Fluren der Wirklichkeit, sondern im ge-lehrten Moder der Bücherwelt ; und, während ein fran-zösischer oder italienischer Nekromant von dem Mephi-stopheles das schönste Weih der Gegenwart geforderthätte, begehrt der deutsche Faust ein Weih, welchesbereits vor Jahrtausenden gestorben ist, und ihm nurnoch als schöner Schatten aus altgriechischen Perga-menten entgegenlächelt, die Helena von Sparta! Wiebedeutsam charakterisirt dieses Verlangen das innersteWesen des deutschen Volkes !

Eben so kärglich wie die Cassandra, hat Shakspearim vorliegenden Stücke, in Troilus und Cressida, dieschöne Helena behandelt. Wir sehen sie nebst Parisauftreten, und mit dem greisen Kuppler Pandarus einigeheiter neckende Gespräche wechseln. Sie foppt ihn, undendlich begehrt sie, dass er mit seiner alten meckerndenStimme ein Liebeslied singe. Aber schmerzliche Schattender Ahnung, die Vorgefühle eines entsetzlichen Aus-gangs , beschleichen manchmal ihr leichtfertiges Herz;aus den rosigsten Scherzen recken die Schlangen ihreschwarzen Köpfchen hervor, und sie verräth ihren Gemüthszustand in den Worten :

«Lass uns ein Lied der Liehe hören... diese Liebewird uns alle zu Grunde richten. 0 Kupido! Kupido!Kupido !»