95
Drittes Kapitel.
Fortsetzung der kasuistischen Lehre über diezehn Gebote.
§- 1 .
Das sechste Gebot.
Ich habe lange Bedenken getragen, das sechste Gebot nachden Kasuisten zu behandeln; der Schmutz und der Koth gemein-ster und niedrigster Sinnlichkeit ist von ihnen mit sichtlicher Be-haglichkeit von Grund aus aufgewühlt, daß er verpestenden Mo-dcrduft verbreitet. Wer keuschen Herzens ist, wessen Wangennoch nicht von der Scbaamröthe sich höher zu färben verlernt ha-ben, lese diesen Abschnitt nicht, bei dessen Abfassung auchmir oft die Hand vor Zorn und Abscheu gezittert hat. Aber ichwollte die Wahrheit sagen, wollte beweisen, daß ein Orden, dersolch einen Unfug, solche Gräuel sittlicher Entartung aus sicherzeugte, duldete und hegte, nicht nur nicht verdiene, an derErziehung und sittlichen Bildung der Menschheit zu arbeiten,sondern durch das Natur-, göttliche und Staatsgesetz davon aus-geschlossen werden müsse. Dieser Beweis aber forderte die Auf-hüllung jener casuistischcn Zügellosigkeit, und ich unternahm sie,weil man die Gefahr kennen muß, um sie zu meiden. Wirwenden uns mit Abscheu von den Doctrinen der Demagogie,die das gesellschaftliche Gebäude in ihren Fundamenten untergra-ben; wir beleuchten sie, enthüllen ihre Bedeutung und ihre Ten-denz und warnen vor ihnen, wie vor lebensgefährlichem Gifte,um die gesellschaftliche Ordnung zu retten. Sollte uns nichtein Gleiches zustehen, um die sittliche Ordnung zu retten, ohnewelche jene nicht gcdenkbar ist? sollte es darum nicht nur ent-schuldigt, sondern auch gerechtfertigt, ja, gefordert werden kön-nen, die moralischen Doctrinen der Jesuiten zu beleuchten undzu enthüllen, da sie das sittliche Leben mit eben der Zerstörungbedrohen, womit die politischen Doctrinen der Demagogen dasStaatsleben bedrohen? Ich zweifle nicht daran.