Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
562
Einzelbild herunterladen
 

562 -

und hicr zu Paris von der Sonnenhitze ausgebrütet wurden. lieber dieseSkorpionen erhüben nun dir Badcauds ein wahres Zetergeschrei, und sie ver-fluchten den großen Stein, dem Frankreich jetzt die giftigen Skorpionen ver-danke, eine neue Landplage, woran noch Kinder »nd Kindeskindcr leiden wur-den . . . Und sie legten die kleinen Ungcthiime in eine Schachtel, und brachtensie zum Commissairc-de-Policc des Magdalaine-Viertels, wo gleich Procbs-vcrbal darüber aufgenommen wurde. . . und Eile that Roth, da die armenThicrchcn einige Stunden nachher starben . . .

Auch bei der Aufrichtung großer Geistcsobeliskcn können allerlei Skorpionenzum Vorschein kommen, kleinliche Giftthicrchen, die vielleicht ebenfalls ansAegypten stammen und bald sterben und vergessen werden, wahrend das großeMonument erhaben und unzerstörbar stehen bleibt, bewundert von den späte-sten Enkeln.

Es ist doch eine sonderbare Sache mit dem Obelisken des Lupor, welchen dieFranzosen aus dem alten Mizraim herllbergeholt und als Zierrath aufgestellthaben, inmitten jenes grauenhaften Platzes, wo sie mit der Vergangenheit denentsetzliche» Bruch gefeiert, am 21. des Januar 1793. Leichtsinnig wie siesind, die Franzosen, haben sie hicr vielleicht einen Denkstein aufgepflanzt,der den Fluch ausspricht Uber jeden, welcher Hand legt an das heilige HauptPharaos!

Wer enträthsclt diese Stimme der Vorzeit, diese uralten Hieroglyphen? Sieenthalten vielleicht keinen Fluch, sondern ein Rezept für die Wunde unsererZeit! O wer lesen könnte! Wer sie ausspräche, die heilenden Worte, diehier eingegraben ... Es steht hier vielleicht geschrieben, wo die verborgeneQuelle rieselt, woraus die Menschheit trinken muß, um geheilt zu werden,wo das geheime Wasser des Lebens, wovon uns die Amme in den alten Kin-dcrmährchcn so viel erzählt hat, und wonach wir jetzt schmachten als krankeGreise. Wo fließt das Wasser des Lebens? Wir suchen und suchen . . .

Ach es wird noch eine gute Weile dauern, che wir daS große Heilmittel aus-findig machen; bis dahin muß noch eine lange schmerzliche Zeit dahingesiechtwerden, und allerlei Quacksalber werden auftreten, mit Hausmittclchcn, welchedas Ucbel nur verschlimmern. Da kommen zunächst die Radikalen und ver-schreiben eine Radikalkur, die am Ende doch nur äußerlich wirkt, höchstens dengesellschaftlichen Grind vertreibt, aber nicht die innere Fäulniß. Gelänge esihnen auch, die leidende Menschheit auf eine kurze Zeit von ihren wildestenQualen zu befreien, so geschähe es doch nur auf Kosten der letzten Spurenvon Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind; häßlich wie ein ge-heilter Philister, wird er aufstehen von seinem Krankenlager, und in der häß-lichen Spitaltracht, in dem aschgrauen Gleichhcitskostiim wird er sich all seinLebtag herumschleppen müssen. Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller