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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
554
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diesen Ilmständen that mir Börne wirklich einen Gefallen, als er nicht bloßin kurzhingeworfcncn Worten, sondern anch in erweiterten Auseinander-setzungen mich öffentlich angriff und über die MeinnngSdiffcrenz, die zwi-schen uns herrschte, das Publikum selber ausklärte. Das that er namentlichim 6. Bande seiner Pariser Briese und in zwei Artikeln, die er in der fran-zösischen Zeitschrist l-e liekorrnntsur abdrucken ließ. Diese Artikel, woraufich, wie bereits erwähnt worden, nie antwortete, gaben wieder Gelegenheit,bei jeder Besprechung Börnc's auch von mir zu reden, jetzt freilich in einemganz anderen Tone wie früher. Die Aristokraten überhäuften mich mit denperfidesten Lobsprüchcn, sie priesen mich fast zu Grunde: ich wurde plötzlichwieder ein großer Dichter, nachdem ich ja eingesehen hätte, daß ich meine po-litische Rolle, den lächerlichen Radikalismus, nicht weiter spielen könne. DieRadikalen hingegen fingen nun an öffentlich gegen mich loszuziehen (pri-vatim thaten sie es zu jeder Zeit) sie ließen kein gutes Haar an mir, siesprachen mir allen Charakter ab, und ließen nur noch den Dichter gelten.Ja, ich bekam so zu sagen meinen politischen Abschied und wurde gleichsam inRuhestand nach dem Parnassus versetzt. Wer die erwähnten zwei Partheienkennt, wird die Großmuth, womit sie mir den Titel eines Poeten ließen, leichtwürdigen. Die Einen sehen in einem Dichter nichts anderes als einen träu-merischen Höfling müßiger Ideale. Die Anderen sehen in dein Pichter garnichts; in ihrer nüchternen Hohlheit findet Poesie auch nicht den dürftigstenWiederklang.

Was ein Dichter eigentlich ist, wollen wir dahingestellt sein lassen. Dochkönnen wir nicht umhin, über die Begriffe, die man mit dem WorteCha-rakter" verbindet, unsere unmaßgebliche Meinung auszusprechen.

Was versteht man unter dem WortCharakter?"

Charakter hat derjenige, der in den bestimmten Kreisen einer bestimmtenLcbensanschauung lebt und waltet, sich gleichsam mit derselben identifizirt,und nie in Widerspruch geräth mit seinem Denken und Fühlen. Bei ganzausgezeichneten, über ihr Zeitalter hinausragenden Geistern kann daher dieMenge nie wissen, ob sie Charakter haben oder nicht, denn die große Mengehat nicht Weitblick genug, um die Kreise zu überschauen, innerhalb derselbensich jene hohen Geister bewegen. Ja, indem die Menge nicht die Grenzendes Möllens und Dürfens jener hohen Geister kennt, kann es ihr leicht be-gegnen, in den Handlungen derselben weder Bcsugniß noch Nothwcndigkeit zusehen, und die geistig Blöd- und Kurzsichtigen klagen dann über Willkühr,Inkonsequenz, Charakterlosigkeit. Minder begabte Menschen, deren ober-flächlichere und engere Lcbensanschauung leichter ergründet und überschautwird, und die gleichsam ihr Lebensprogramm in populärer Sprache ein fürallemal auf öffentlichem Markt proklamirt haben, diese kann das vcrehrungs-