Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
540
Einzelbild herunterladen
 

S40

in den ganzen Selbstmord der nazarcnischcn Religion, nm auf einmal die da-malige LcbenSqual von sich werfen und den Folterknechten des herrschendenMaterialismus zu trotzen . . .

Für Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward der Himmel erfun-den . . . Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion, die dem leidendenMcnschcngcschlcchte in den bitter» Kelch einige süße, einschläfernde Tropfengoß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!

Ludwig Borne war, wie ich bereits in der ersten Abthcilung erwähnte, sei-ner Natur nach ein gcborncr Christ, und diese spiritualistische Richtung Mußtein den Katholizismus überschnappen, als die verzweifelnden Republikaner, nachden schmerzlichsten Niederlagen, sich mit der katholischen Parthci verbanden. Wie weit ist es Ernst mit dieser Lcrbüudung? Ich kannS nicht sagen.Manche Republikaner mögen wirklich aus Acrgcr katholisch geworden sein.Die meisten jedoch verabscheuen im Herzen ihre neuen Alliirtcu, und es wirdComödie gespielt von beiden Seiten. Es gilt nur den gcnicinschaftlichcu Feindzu bekämpfen, und in der That, die Verbindung der beiden Fanatismen, desreligiösen und des politischen, ist bedrohlich im höchsten Grade. Zuweilenaber geschieht es, daß die Menschen sich in ihrer Rolle verlieren und aus demlistigen Spiel ein plumper Ernst wird; und so mag wohl mancher Republika-ner solange mit den katholischen Symbolen geliebäugelt haben, bis er zuletztdaran wirklich glaubte; und mancher schlaue Pfaffe mag so lange die Mar-seillaise gesungen haben, bis sie sein LicblingSlicd ward, und er nicht mehrMesse lesen kann ohne in die Melodie dieses SchlachtgcsangcS zu verfallen.

Wir armen Deutschen, die wir leider keinen Spaß verstehen, wir haben dasFratcrnisiren des RcpublikaniSmuS und des Katholizismus für baarcn Ernstgenommen, und dieser Jrrthum kann uns einst sehr thcucr zu stehen kommen.Arme deutsche Republikaner, die Ihr Satan bannen wollt durch Beelzebub,Ihr werdet, wenn Euch solcher CrorciSmns gelänge, erst recht aus dem Feuer-regen in die Flammcntraufe gerathcn! Wie gar manche deutsche Patrioten,um protestantische Regierungen zu befehden, mit der katholischen Parthei ge-meinschaftliche Sache treiben, kann ich nicht begreifen. Man wird mir, demdie Preußen bekanntlich so viel Herzeleid bereiteten, man wird mir schwerlicheine blinde Sympathie für Borussia zuschreiben: ich darf daher freimüthiggestehen, daß ich in dem Kampfe Preußens mit der katholischen Parthci nurcrstercm den Sieg wünsche . . . Denn eine Niederlage würde hier nothwen-dig zur Folge haben, daß einige deutsche Provinzen, die Rhciulandc, fürDeutschland verloren gingen. Was kümmert es aber die frommen Leute inMünchen, ob man am Rhein deutsch oder französisch spricht; für sie ist eshinreichend, daß man dort lateinisch die Messe singt. Pfaffen haben keinVaterland, sie haben nur einen Vater, einen Papa, in Rom.