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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
531
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tation. Er kam einmal um Mitternacht zu mir heraufgestiegen in meineWohnung, weckte mich aus dem süßesten Schlaf, setzte sich vor mein Bett,und jammerte eine ganze Stunde über die Leiden des deutschen Volks, undüber die Schänstlichkeiten der deutschen Regierungen, und wie die Russen fürDeutschland so gefährlich sein, und wie er sich vorgenommen habe, zur Net-tung Teutschlands gegen den Kaiser Nikolaus zu schreiben und gegen dieFürsten, die das Volk so mißhandelten, und gegen den Bundestag . . . Undich glaube, er hätte bis zum Morgen in diesem Zuge fortgeredct, wenn ichnicht plötzlich, nach langem Schweigen, in die Worte ausbrach:Sind SieGemeinde-Vcrsorger?"

Nur zwei Mal habe ich ihn seitdem wieder gesprochen. Das eine Mal beider Heirath eines gemeinsamen Freundes, der uns beide als Zeugen gewählt,das andere Mal auf einem Spaziergang in den Tuillericn, dessen ich bereitserwähnte. Bald darauf erschien der 3. und 4. Theil seiner Pariser Briefe,und ich vermied nicht blos jede Gelegenheit des Zusammentreffens, sondernich ließ ihn auch merken, daß ich ihm geflissentlich auswich, und seit der Zeithabe ich ihm zwar zwei oder drei Mal begegnet, aber nie habe ich seitdem eineinziges Wort mit ihm gesprochen. Bei seiner sanguinischen Art wurmte ihndas bis zur Verzweiflung, und er setzte alle möglichen Erfindungen ins Spiel,um mir wieder freundschaftlich nahen zu dürfen, oder wenigstens eine Unter-redung mit mir zu bewirken. Ich hatte also nie im Leben mit Börne einenmündlichen Disput, nie sagten wir uns irgend eine schwere Beleidigung; nuraus seinen gedruckten Reden merkte ich die lauernde Böswilligkeit, und nichtverletztes Selbstgefühl, sondern höhere Sorgen und die Treue die ich meinemDenken und Wollen schuldig bin, bewogen mich mit einem Mann zu brechen,der meine Gedanken und Bestrebungen kompromittircn wollte. Solches hart-näckige Ablehnen ist aber nicht ganz in meiner Art, und ich wäre vielleichtnachgiebig genug gewesen, mit Börne wieder zu sprechen und Umgang zupflegen . . . zumal da sehr liebe Personen mich mit vielen Bitten angingenund die gemeinschaftlichen Freunde oft in Verlegenheit gericthcn bei Einla-dungen, deren ich keine annahm, wenn ich nicht vorher die Zusicherung erhielt,daß Herr Börne nicht geladen sei. . . noch außerdem riechen mir meinePrivatinteressen, den grimmblütigcu Mann durch solches strenge Zurückweisennicht allzu sehr zu reizen, . . . aber ein Blick auf seine Umgebung, auf seinelieben Getreuen, auf den vielköpfigen und mit den Schwänzen zusammen-gewachsenen Rattenkönig, dessen Seele er bildete, und der Ekel hielt mich zu-rück von jeder neuen Berührung mit Börne.

So vergingen mehrere Jahre, drei, vier Jahre, ich verlor den Mann auchgeistig aus dem Gesicht, selbst von jenen Artikeln, die er in französischen Zeit-schriften gegen mich schrieb und die im ehrlichen Deutschland so verläumdcrisch