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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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inus den Auftrag, und rief vom Hintcrthcil des Schiffes nach dem Lande hin:Der große Pan ist todt!" Auf diesen Ruf erfolgten von dort her die son-derbarsten Klagctöne, ein Gemisch von Seufzen und Geschrei der Verwun-derung, und wie von vielen zugleich erhoben. Tic Augenzeugen erzähltendies Ereigniß in Rom, wo man die wunderlichsten Meinungen darüberäußerte. TiberiuS ließ die Sache näher untersuchen und zweifelte nicht ander Wahrheit.

Helgoland, den A.JuliuS.

Ich habe wieder im alten Testamente gelesen. Welch ein großes Buch!Merkwürdiger noch als der Inhalt ist für mich diese Darstellung, wo dasWort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, wie eine Blume, wiedas Meer, wie die Sterne, wie der Mensch selbst. DaS sproßt, das fließt,das funkelt, daS lächelt, man weiß nicht wie, man weiß nicht warum, manfindet alles ganz natürlich. Das ist wirklich das Wort Gottes, statt daßandere Bücher nur von Mcnschcnwiß zeugen. Im Homer, dem anderengroßen Buche, ist die Darstellung ein Produkt der Knust, und wenn auch derStoff immer, eben so wie in der Bibel, aus der Realität aufgegriffen ist, sogestaltet er sich doch zu einem poetischen Gebilde, gleichsam nmgcschmolzcnim Tiegel des menschlichen Geistes; er wird geläutert durch einen geistigenProzeß, welchen wir die Kunst nennen. In der Bibel erscheint auch keineSpur von Kunst; das ist der Stil eines Notizcnbuchs, worin der absoluteGeist, gleichsam ohne alle individuelle menschliche Bcihülfe, die Tagcsvorfälleeingezeichnet, ungefähr mit derselben thatsächtichcn Treue, womit wir unsereWaschzettel schreiben. Ucbcr diesen Stil läßt sich gar kein Urtheil aus-sprechen, man kann nur seine Wirkung ans unser Gcmllth konstatircn, undnicht wenig mußten die griechischen Grammatiker in Verlegenheit gcrathcn,als sie manche frappante Schönheiten in der Bibel nach hergebrachten Kunst-begriffen dcfinircn sollten. LonginuS spricht von Erhabenheit. NeuereAesthetikcr sprechen von Naiviiät. Ach! wie gesagt, hier fehlen alle Maß-stäbe der Bcurtheilung . . . die Bibel ist das Wort Gottes.

Nur bei einem einzigen Schriftsteller finde ich etwas, was an jenen unmit-telbaren Stil der Bibel erinnert. Das ist Shakespeare. Auch bei ihm trittdas Wort manchmal in jener schauerliche» Nacktheit hervor, die uns erschrecktund erschüttert; in den Shakespcar'schcn Werken sehen wir manchmal dieleibhaftige Wahrheit ohne Kunstgcwand. Aber das geschieht nur in einzel-nen Momenten; der Genius der Kunst, vielleicht seine Ohnmacht fühlend,überließ hier der Natur sein Amt auf einige Augenblicke, und behauptet her-nach um so eifersüchtiger seine Herrschaft in der plastischen Gestaltung und in