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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
477
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scheu Gebräuchen, mir die berühmte Schalctspeisc vorsetze» werde; und in derThat, ich erfreute mich dort jenes Gerichtes, das vielleicht noch cgyptischenUrsprungs und alt wie die Pyramiden ist. Ich wundre mich, daß Borne spä-tcrhin, als er scheinbar in humoristischer Laune, in der That aber aus plebeji-scher Absicht, durch mancherlei Erfindungen und Jnstnuazioncn, wie gegenKroncnträgcr überhaupt, so auch gegen ein gekröntes Dichterhaupt den Pöbelvcrhchtc... ich wundre mich, daß er in seinen Schriften nie erzählt hat, mitwelchem Appetit, mit welchem Enthusiasmus, mit welcher Andacht, mit wel-cher Ucberzeugung ich einst beim Doctor St. .... das altjüdischc Schalet-esscn verzehrt habe! Dieses Gericht ist aber auch ganz vortrefflich, und es istschmerzlichst zu bedauern, daß die christliche Kirche, die dem alten Judcnthumeso viel Gutes entlehnte, nicht auch den Schalet adoptirt hat. Vielleicht hat siesich dieses für die Zukunft noch vorbehalten, und wenn es ihr mal ganz schlechtgeht, wenn ihre heiligsten Symbole, sogar das Kreuz, seine Kraft verloren,greift die christliche Kirche zum Schalctcssen, und die entwischten Völker wer-den sich wieder mit neuem Appetit in ihren Schoost hineindrängen. DieJuden wenigstens werden sich alsdann auch mit Ucberzeugung dem Christen-thnmc anschließen . . . denn, wie ich klar einsehe, cS ist nur der Schalet, dersie zusammenhält in ihrem alten Bunde. Börne versicherte mir sogar, daßdie Abtrünnigen, welche zum neuen Bunde übergegangen, nur den Schaletzu riechen brauchen, um ein gewisses Heimweh nach der Synagoge zu empfin-den, daß der Schalet so zu sagen der Kuhreigen der Inden sei."

Auch nach Bornhcim sind wir mit einander hinausgefahren, am Sabbath,um dort Kaffee zu trinken und die Töchter Israels zu betrachten ... Eswaren schöne Mädchen und rochen nach Schalet, allerliebst. Börne zwinkertemit den Augen. In diesem gcheimnißvollcn Zwinkern, in diesem unsicherlüsternen Zwinkern, das sich vor der Innern Stimme fürchtet, lag die ganzeVerschiedenheit unserer Gefühlsweise. Börne nämlich war, wenn auch nichtin seinen Gedanken, doch desto mehr in seinen Gefühlen, eine Sklave der na-zarcnischen Abstinenz; und wie es allen Leuten seines Gleichen geht, die zwardie sinnliche Enthaltsamkeit als höchste Tugend anerkennen, aber nicht vollstän-dig ausüben können, so wagte er cS nur im Verborgenen, zitternd und crrö-thend, wie ein genäschiger Knabe, von Evas verbotenen Acpfcln zu kosten.Ich weiß nicht, ob bei diesen Leuten der Genuß intensiver ist, als bei uns, diewir dabei den Reiz des geheimen llutcrschlciss, der moralischen Contrebande,entbehren; behauptet man doch, daß Mahomcd seinen Türken den Wein ver-boten habe, damit er ihnen desto süßer schmecke.

In großer Gesellschaft war Börne wortkarg und einsylbig, und dem Flußder Rede überließ er sich nur im Zwiegespräch, wenn er glaubte, sich nebeneinem glcichgesinntcn Menschen zn befinden. Daß Börne mich für einen sol-