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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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und nnverschämtcrweise von Sivori gccapcrt ward, ist ein allerliebstes Ca-priccio von Ernst. Dieser Liebhaber dcS Phantastischen kann, wenn er will,auch rein poetisch sein, und ich habe jungst eine Nocturne von ihm gehört, diewie ausgelöst war in Schönheit. Man glaubte sich entrückt in eine italienischeMondnacht, mit stillen Cpprcsscnalleen, schimmernd weißen Statuen undträumerisch plätschernden Springbrunnen. Ernst hat, wie bekannt ist, inHannover seine Entlassung genommen, und ist nicht mehr königlich hannovcr'-schcr Conccrtmcistcr. Das war auch kein passender Platz für ihn. Er wäreweit eher geeignet, am Hose irgend einer Fccnkönigin, wie z. B. der FrauMorgane, die Kammermusik zu leiten; hier fände er ein Auditorium, das ihnam besten verstünde, und darunter manche hohe Herrschaften, die ebenso kunst-sinnig wie fabelhaft, z. B. den König Arthus, Dietrich von Bern, Ogier denDänen n. a. Und welche Damen würden ihm hier applandiren! Die blon-den Hannoverancrinnen mögen gewiß bübsch sein, aber sie sind doch nnrHeid-schnuckeninVerglcichnng mit einer FceMelior, mit der Dame Abondc, müderKönigin Genoveva, der schönen Melusine und andern berühmten Frauens-personen, die sich am Hofe der Königin Morgane in Avalnn aufhalten. Andiesem Hose (an keinem andern) hoffen wir einst dem vortrefflichen Künstlerzu begegnen, denn auch uns hat man dort eine vorthcilhaste Anstellung ver-sprochen.

Zweiter Bericht.

Paris, den t. Mai 1A4.

Die Academie-royale-de-Musiguc, die sogenannte große Oper, befindet sichbekanntlich in der Ruc Lepelletier, ungefähr in der Mitte, der Restaurationvon Paolo Broggi gerade gegenüber. Broggi ist der Name eines Italieners,der einst der Koch von Rossini war. Als letzterer voriges Jahr nach Pariskam, besuchte er auch die Trattoria seines ehemaligen Dieners, und nachdemer dort gespeist, blieb er vor der Thüre lange Zeit stehen, in tiefem Nachden-ken das große Opcrngcbäude betrachtend. Eine Thräne trat in sein Auge,und als jemand ihn frng, weshalb er so wehmüthig bewegt erscheine, gab dergroße Maestro zur Antwort; Paolo habe ihm sein Leibgericht, Ravioli mitParmcsankäse, zubereitet wie ehemals, aber er sei nicht im Stande gewesen,die Hälfte der Portion zu verzehren, und auch diese drücke ihn jetzt; er, derehemals den Magen cines Straußes besessen, könne heutzutage kaum so vielvertragen wie einePerliebte Turteltaube.

Wir lassen dahingestellt sein, in wie weit der alte Spottvogcl seinen indis-crcten Frager mystificirt hat, und begnügen uns heute, jedem Musikfreunde