Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
424
Einzelbild herunterladen
 

selbst auf unfern deutschen Mistbeeten nicht kostbarer gedeihen könnte. Daswuchert, das sproßt, das blüht in unerhörter Pracht. Wir haben weder Lustnoch Berus, hier zu botanisiren. Der Duft mancher Giftblumen könnte unsbetäubend zu Kops steigen, und uns verhindern, mit kühler Unparteilichkeitden Werth beider Parteien und die politische Bedeutung und Bedeutsamkeitdes Kampfes zu würdigen. Sobald die Leidenschaften ein Bischen verduftetsind, wollen wir solche Würdigung versuchen. So viel können wir schonheute sagen: das Recht ist auf beiden Seiten, und die Personen werden ge-trieben von der fatalsten Nothwcndigkeit. Der größte Theil der Katholischen,weise und gemäßigt, verdammt zwar das unzcitige Schildcrheben ihrer Par-teigenossen, aber diese gehorchen dem Befehl ihres Gewissens, ihrem höchstenGlaubenSgesctz, dem eompolls intrare, sie thun ihre Schuldigkeit, und sieverdienen daher unsre Achtung. Wir kennen sie nicht, wir haben kein Urtheilüber ihre Person, und wir sind nicht berechtigt, an ihrer Ehrlichkeit zuzweifeln. . .

Diese Leute sind nicht eben meine Lieblinge, aber aufrichtig gestanden, trotzihrem düster», blutrünstigen Zclotismus sind sie mir lieber als die tolerantenAmphibien des Glaubens und des Wissens, als jene Kunstgläubigen, die ihreerschlafften Seelen durch fromme Musik und Heiligenbilder kitzeln lassen, undgar als jene Ncligionsdilcttantcn, die für die Kirche schwärmen, ohne ihrenDogmen einen strengen Gehorsam zu widmen, die mit den heiligen Symbolennur liebäugeln, aber keine emsthaste Ehe eingehen wollen, und die man hiercatlloliguss marrous nennt. Letztere füllen jetzt unsre fashionablen Kirchen,z. B. Laiuto-blaeleloine, oder blotrs-l)ail>o-lle-l.orette, jene heilige» Bou-doirs, wo der süßlichste Rocoeogcschmack herrscht, ein Weihkessel, der nachLavendel duftet, rcichgcpolstcrte Betstühle, rosige Beleuchtung und schmach-tende Gesänge, überall Blumen und tändelnde Engel, kokette Andacht, die sichfächert mit Evcntails von Böttcher und Watteau Pompadourchristenthum.

Ebenso unrecht wie unrichtig ist die Benennung Jesuiten, womit man hierdie Gegner der Universität zu bezeichnen pflegt. Erstens giebt es gar keineJesuiten mehr in dem Sinne, den man mit jenem Namen verknüpft. Aberwie es oben in der Diplomatie Leute giebt, die jedesmal, wenn die Flnthzcitder Revolution eintritt, das gleichzeitige Heranbrandcn so vieler brausendenWellen für das Werk eines (lomltp llirooteur in Paris erklären: so giebt esTribunen hier unten, die, wenn die Ebbe beginnt, wenn die rcvolutionaircnSpringfluthen sich wieder verlaufen, diese Erscheinung den Jntriguen derJesuiten zuschreiben, und sich ernsthaft einbilden, es residire ein Jcsuitcngcneralin Rom, welcher durch seine vermummten Schergen die Rcaction der ganze»Welt leite. Nein, es existirt kein solcher Jesuitengcneral in Rom, wie auchin Paris kein lloialtS lllrsatour cxistirt; das sind Mährchcu für große Kin-