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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
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ist man schon minder tolerant, das Verdienst eines Mannes wird dort nurnach seinem Einkommen abgeschätzt, und "Korr muoü is Im veortb?" heißtbuchstäblich! wie wicl Geld besitzt er, wie siel verdient er? Ich habe miteigenen Ohren angehört, wie in Florenz ein dicker Engländer ganz ernsthafteinen Franciscancrmönch fragte: wie viel es ihm jährlich einbringe, daß er sobaarfüßig und mit einem dicken Strick um den Leib herumgehe? In Frank-reich ist es anders, und wie gewaltig auch die Gewinnsucht des JndustrialiS-mus um sich greift, so ist doch die Nrmuth bei ausgezeichneten Personen einwahrer Ehrentitel, und ich möchte schier behaupten, daß der Reichthnm, einenunehrlichen Verdacht begründend, gewissermaßen mit einem geheimen Makel,mit einer levis uota, die sonst vortrefflichsten Leute beHafte. Das mag wohldaher entstehen, weil man bei so vielen die unsaubcrn Quellen kennt, worausdie großen Rcichthiimcr geflossen. Ein Dichter sagte:daß der erste Königein glücklicher Soldat war!" in Betreff der Stifter unsercr heutigen Fi-nanz-Dynastien dürfen wir vielleicht das prosaische Wort aussprechen: daßder erste Vanguier ein glücklicher Spitzbube gewesen. Der Cultus des Reich-thums ist zwar in Frankreich so allgemein wie in andern Ländern, aber es istein Cnltus ohne heiligen Respect: die Franzosen tanzen ebenfalls um dasgoldene Kalb, aber ihr Tanzen ist zugleich Spott, Persiflage, Selbstverhöh-nung, eine Art Cancan. Es ist dieses eine merkwürdige Erscheinung, erklär-bar thcils aus der generösen Natur der Franzosen, theils auch aus ihrer Ge-schichte. Unter dem alte» Regime galt nur die Geburt, nur die Ahnenzahlgab Ansehen, und die Ehre war eine Frucht des Stammbaums. Unter derRepublik gelangte die Tugend zur Herrschaft, die Armuth ward eine Würde,und wie vor Angst, so auch vor Scham, verkroch sich das Geld. Aus jenerPeriode stammen die vielen dicken Sousstücke, die ernsthaften Kupfermünzenmit den Symbolen der Freiheit, so wie auch die Traditionen von pccuniärerUncigcnnützigkcit, die wir noch heutigen Tages bei den höchsten Staatsverwal -tcrn Frankreichs antreffen. Zur Zeit des Kaiscrthums florirte nur der mili-tairische Ruhm, eine neue Ehre ward gestiftet, die der Ehrenlegion, derenGroßmeister, der siegreiche Imperator, mit Verachtung herabschaute aus dierechnende Krämcrgildc, ans die Lieferanten, die Schmuggler, die Stockjobbcrs,die glücklichen Spitzbube». Während der Restauration intriguirte der Reich-thum gegen die Gespenster des alten Regimes, die wieder ans Ruder gekom-men und deren Insolenz täglich mehr wuchs: das beleidigte, ehrgeizige Geldwurde Demagoge, liebäugelte herablassend mit den Kurzjacken, und als dieJuliussonne die Gcmllther erhitzte, ward der Ndelkönig Karl X. vom Throneherabgeschmisscn. Der Bürgcrkönig Ludwig Philipp stieg hinaus, er, derRepräsentant des Geldes, das jetzt herrscht, aber in der öffentlichen Meinungzu gleicher Zeit von der besiegten Partei der Vergangenheit und der getäuschten