Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
405
Einzelbild herunterladen
 

405

gehrliche Physiognomie, die eher an einen Faun als an einen Patriarchen er--inncrn dürfte, und seine ganze Bekleidung besteht in jener weißen wollenenDecke, die seit der Eroberung Algiers ans so dielen Bildern eine so großeNolle spielt. Seit die Franzosen mit dem Orient in unmittelbarste Bekannt-schaft getreten, geben ihre Maler auch den Helden der Bibel ein wahrhaftesmorgcnländischcs Costiim. Das frühere traditionelle Jdealcostüm ist i» derThat etwas abgenutzt durch drcihundcrtjährigen Gebrauch, und am allerwe-nigsten wäre es passend, nach dem Beispiel der Vcnctiancr, die alten Hebräerin einer modernen Tagcstracht zu dermnmmcn. Auch Landschaft und Thicredes Morgenlandes behandeln seitdem die Franzosen mit größerer Trenc inihren Historienbildern, und dem Kamcele, welches sich auf dem Gemälde desHoraz Vernct befindet, sieht man es wohl an, daß der Maler es unmittelbar»ach der Natur copirt und nicht, wie ein deutscher Maler, auS der Tiefe seinesGemüthS geschöpft hat. Ein deutscher Maler hätte vielleicht hier, in der Kops-bildung des KamcelS, das Sinnige, das Verweltliche, ja das Alttcstamcnta-lischc hervortreten lassen. Aber der Franzose hat nur eben ein Kamccl gemaltwie Gott cS erschaffen hat, ein oberflächliches Kamcel, woran kein einzigessymbolisches Haar ist, und welches, sein Haupt hcrvorstreckcnd über die Schul-ter des Juda, mit der größten Gleichgültigkeit dem verfänglichen Handel zu-schaut. Diese Gleichgültigkeit, dieser Jndisscrcntismus, ist ein Grundzugdes in Rede stehenden Gemäldes, und auch in dieser Beziehung trägt dasselbedas Gepräge unsrcr Periode. Der Maler tauchte seinen Pinsel weder in dieätzende Böswilligkeit Voltairc'schcr Satirc, noch in die liederlichen Schmutz-töpfc von Parny und Consorten; ihn leitet weder Polemik noch Jmmorali-tät; die Bibel gilt ihm so viel wie jedes andere Buch, er betrachtet dasselbemit echter Toleranz, er hat gar kein Vorurthcil mehr gegen dieses Buch, erfindet es sogar hübsch und amüsant, und er verschmäht es nicht, demselbenseine Sujets zu entlehnen. In dieser Weise malte er Judith, Rebekka amBrunnen, Abraham und Hagar, und so malte er auch Juda und Thamar,ein vortreffliches Gemälde, das wegen seiner localartigcn Auffassung ein sehrpassendes Altarbild wäre für die pariser neue Kirche von Notre-Dame-dc-Lorctte, im Lorcttcnqnarticr.

Horaz Vcrnct gilt bei der Menge für den größten Maler Frankreichs, undich mochte dieser Ansicht nicht widersprechen. Jedenfalls ist er der nationalste derfranzösischen Maler, und er überragt sie alle durch das fruchtbare Können,durch die dämonische lleberschwänglichkeit, durch die ewig blühende Selbstver-jüngung seiner Schöpferkraft. Das Malen ist ihm angeboren wie dem Sei-denwurm das Spinnen, wie dem Vogel das Singen, und seine Werke er-scheinen wie Ergebnisse der Nothwendigkeit. Kein Stil, aber Natur. Frucht-barkeit die ans Lächerliche grenzt. Eine Caricatur hat den Horaz Vernct dar-