Druckschrift 
6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
403
Einzelbild herunterladen
 

403

gcoisie, der Jndustrialismus, dcr jetzt das ganze sociale Leben Frankreichsdurchdringt, auch schon in den zeichnenden Künsten sich dergestalt geltend ge-macht, daß allen heutigen Gemälden das Wappen dieser neuen Herrschaft auf-gedrückt ist? Besonders die Heiligenbilder, woran die diesjährige Ausstellungso reich ist, erregen in mir eine solche Vcrmuthung. Da hängt im langenSaal eine Geißelung, deren Hauptfigur, mit ihrer leidenden Miene, dem Di-rektor einer verunglückten Aktiengesellschaft ähnlich sieht, dcr vor seinen Actio-närcn steht und Rechnung ablegen soll; ja letztere sind auch aus dem Bilde zusehen, und zwar in dcr Gestalt von Henkern und Pharisäern, die gegen denEccc Homo schrecklich erbost sind und an ihren Aktien sehr viel Geld verlorenzu haben scheinen. Der Maler soll in der Hauptfigur seinen Oheim por-traitirt haben. Die Gesichter auf den eigentlich historischen Bildern, welcheheidnische und mittelalterliche Geschichten darstellen, erinnern ebenfalls anKramladen, Börsenspekulation, Merkantilismus, Spießbürgcrlichkeit. Daist ein Wilhelm dcr Eroberer zu sehen, dem man nur eine Bärcnmütze aufzu-setzen brauchte, und er verwandelte sich in einen Nationalgardisten, dcr mitmusterhaftem Eifer die Wache bezieht, seine Wechsel Pünktlich bezahlt, seineGattin ehrt und gewiß das EhrcnlcgionSkrcuz verdient. Aber gar die Por-traits! Die meisten haben einen so pccuniaircn, eigennützigen, verdrossenenAusdruck, den ich mir nur dadurch erkläre, daß das lebendige Original in denStunden dcr Sitzung immer an das Geld dachte, welches ihm das Portraitkosten werde, während dcr Maler beständig die Zeit bedauerte, die er mit demjämmerlichen Lohndicnst vergeuden mußte.

Unter den Hcilgcnbildcrn, welche von dcr Mühe zeugen, die sich die Fran-zosen geben, recht religiös zu thun, bemerkte ich eine Samaritancrin am Brun-nen. Obgleich dcr Heiland dem feindseligen Stamme dcr Juden angehört,übt sie dennoch an ihm Barmherzigkeit. Sie bietet dem Durstigen ihrenWasserkrug, und während er trinkt, betrachtet sie ihn mit einem sonderbarenSeitenblick, dcr ungemein Pfiffig und mich an die gcscheidte Antwort erinnerte,welche einst eine kluge Tochter Schwabens dem Herrn Superintendenten gab,als dieser die Schuljugend im Religionsunterricht craminirtc. Er frug näm-lich, woran das Weib ans Samaria erkannt hatte, daß Jesus ein Jude war?An der Vcschncidung antwortete keck die kleine Schwäbin,

Das merkwürdigste Heiligenbild des Salons ist von Horaz Vernet, demeinzigen großen Meister, welcher dies Jahr ein Bild zur Ausstellung geliefert.Das Sujet ist sehr verfänglich, und wir müssen, wo nicht die Wahl, doch ge-wiß die Auffassung desselben bestimmt tadeln. Dieses Sujet, der Bibel ent-lehnt, ist die Geschichte Juda's und seiner Schwiegertochter Thamar. Nachunfern modernen Begriffen und Gefühlen erscheinen unS beide Personen ineinem sehr unsittlichen Lichte. Jedoch nach der Ansicht des Nltcrthums, wo