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unsre heutige Gegenwart vorzugsweise als das Zeitalter der Musik eingezeich-net werden dürfte. Mit der allmähligen Vergcistiguug des Menschengeschlechtshalten auch die Künste ebenmäßig Schritt. In der frühesten Periode mußtenothwcndigcrwcise die Architektur alleinig hervortreten, die unbewußte roheGröße massenhaft verherrlichend, wie wir's z. B. sehen bei den Aegypticrn.Späterhin erblicken wir bei den Griechen die Blüthezeit der Bildhauerkunst,und diese bekundet schon eine äußere Bewältigung der Materie: der Geistmeißelte eine ahnende Siunigkcit in den Stein. Aber der Geist fand dennochden Stein viel zu hart für sciue steigenden Offcnbarungsbcdürfnissc, und erwählte die Farbe, den bunten Schatten, um eine verklärte und dämmerndeWelt des Liebens und Leidens darzustellen. Da entstand die große Periodeder Malerei, die am Ende des Mittelalters sich glänzend entfaltete. Mit derAusbildung des BcwnßtseinlcbcnS schwindet bei den Menschen alle plastischeBegabniß, am Ende erlischt sogar der Farbensinn, der doch immer an bestimmteZeichnung gebunden ist, und die gesteigerte Spiritualität, das abstrakte Gc-dankcnthnm, greift nach Klängen und Tonen, um eine lallende Ucberschwäng-lichkcit auszudrücken, die vielleicht nichts Anderes ist, als die Auflösung derganzen materiellen Welt: die Musik ist vielleicht das letzte Wort der Kunst,wie der Tod das letzte Wort des Lebens.
Ich habe diese kurze Bemerkung hier vorangestellt, um anzudeuten, wcßhalbdie musikalische Saison mich mehr ängstigt als erfreut. Daß man hier fastin lauter Musik ersäuft, daß es in Paris fast kein einziges Haus gibt, wohinman sich wie in eine Arche retten kann vor dieser klingenden Sündfluth, daßdie edle Tonkunst unser ganzes Leben überschwemmt — dies ist für mich einbedenkliches Zeichen, und es ergreift mich darob manchmal ein Mißmuth, derbis zur murrsinnigstcn Ungerechtigkeit gegen unsrc großen Maöstri und Vir-tuosen ausartet. Unter diesen Umständen darf man keinen allzu heitern Lob-gesang von mir erwarten für den Mann, de» hier die schone Welt, besondersdie hysterische Damenwelt, in diesem Augenblick mit einem wahnsinnigen En-thusiasmus umjubclt, und der in der That einer der merkwürdigsten Reprä-sentanten der musikalischen Bewegung ist. Ich spreche von Franz Liszt, demgenialen Pianisten. Ja der Geniale ist jetzt wieder hier und gibt Conccrte,die einen Zauber üben, der ans Fabelhafte grenzt. Neben ihm schwinde»alle Klavierspieler — mit Ausnahme eines einzigen, des Chopin, des Rafäclsdes Fortcpiano. In der That, mit Ausnahme dieses Einzigen sind alle an-dern Klavierspieler, die wir dieses Jahr in unzähligen Tonccrten hörten, ebennur Clasierspiclcr, sie glänzen durch die Fertigkeit, womit sie das besaitete Holzhandhaben, bei Liszt hingegen denkt man nicht mehr an überwundene Schwie-rigkeit, das Clavier verschwindet und es offenbart sich die Musik. In dieserBeziehung hat Liszt, seit wir ihn zum letztenmal horten, den wunderbarsten