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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
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bei der Leichenfeier des Kaisers Napoleon Bonaparte. Ich kann nicht mit denBerichterstattern übereinstimmen, die in dem Schauspiel jenes wunderbarenBegräbnisses nur Pomp und Gepränge sahen. Sic hatten kein Auge für dieGefühle, die das französische Volk bis in seine Tiefen erschütterten. DieseGefühle waren aber nicht die des soldatischen Ehrgeizes und Stolzes, den sieg-reichen Imperator begleitete nicht jener Prätoriancrjubel, jene lärmige Ruhm-und Raubsucht, deren man sich in Deutschland noch erinnert ans den Tagendes Empire, Die alten Eroberer haben seitdem das Zeitliche gesegnet, undes war eine ganz ncne Generation, die dem Leichenbegängnisse zuschaute, undwenn nicht mit brennendem Zorn, doch gewiß mit der Wchmuth der Pietät sahsie ans diesen goldenen Katafalk, worin gleichsam alle Freuden, Leiden, glor-reiche Jrrthümcr und gebrochene Hoffnungen ihrer Väter, die eigentliche Seeleihrer Väter, eingesargt lag! Da gab's mehr stumme Thräncn als lautesGeschrei. Und dann war die ganze Erscheinung so fabelhaft, so mährchen-artig, daß man kaum seinen Augen traute, daß man zu träumen glaubte.Denn dieser Napoleon Bonapartc, den man begraben sah, war für das heu-tige Geschlecht schon längst dahingeschwunden in das Reich der Sage, zu denSchatten Alexanders von Makedonien und Karls des Großen, und jetzt, siehe!eines kalten Wintertags erscheint er mitten unter uns Lebenden, auf einemgoldenen Sicgeswagcn, der geisterhaft dahinrollt in den weißen Morgcnncbcln.

Diese Nebel aber zerrannen wunderbar, sobald der Leichenzug in denChampS-Elisöcs anlangte. Hier brach die Sonne plötzlich aus dem trübenGewölk und küßte zum letztenmal ihren Liebling, und streute rosige Lichter aufdie imperialen Adler, die ihm vorangetragen wurden, und wie mit sanftemMitleid bestrahlte sie die armen, spärlichen Ueberrcste jener Legionen, die einstim Sturmschritt die Welt erobert, und jetzt, mit verschollenen Uniformen,matten Gliedern und veralteten Manieren, hinter dem Leichenwagen als Leid-tragende cinhcrschwanktcn. Unter uns gesagt, diese Invaliden der großenArmee sahen aus wie Caricaturen, wie eine Satirc auf den Ruhm, wie einrömisches Spottlied auf den todten Triumphator.

Die Muse der Geschichte hat diesen Leichenzug eingezeichnet in ihre Anna-len als besondere Merkwürdigkeit; aber für die Gegenwart ist jenes Ercignißminder wichtig, und liefert nur den Beweis, daß der Geist der Soldateska beiden Franzosen nicht so blühend vorwaltet, wie mancher Bramarbas diesseitsdes Rheins prahlt und mancher Schöps jenseits ihm nachschwatzt. DerKaiser ist todt. Mit ihm starb der letzte Held nach altem Geschmack, und dieneue Philistcrwclt athmct auf, wie erlöst von einem glänzenden Alp. Ueberseinem Grabe erhebt sich eine industrielle Bllrgerzeit, die ganz andere Heroenbewundert, etwa den tugendhaften Lafavctte, oder James Watt, den Baum-wollcnspinncr.