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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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ginn der Kammcrsitzungen, sich um jeden Preis des großen Rüstmeistcrs ent-ledigen mußte. Eiuigc beschränkte Deputirtcnköpfc werden jetzt freilich übernutzlose Ausgaben schreien und nicht bedenken, daß cS eben jene Kricgs-rüstungcn sind, die uuS vielleicht den Frieden erhielten. Ein Schwert hältdas andere in der Scheide. Tie große Frage: ob Frankreich durch die Lon-doner Tractatsvorgängc beleidigt war oder nicht? wirb jetzt in der Kammerdcbattirt werden. ES ist eine verwickelte Frage, bei deren Beantwortung mauauf die Verschiedenheit der Nationalität Rücksicht nehmen muß. Vor derHand aber haben wir Frieden, und dem König Ludwig Philipp gebührt dasLob, daß er zur Erhaltung des Friedens eben so viel Much aufgewendet, alsNapoleon dessen im Kriege bekundete. Ja, lacht nicht, er ist der NapoleondcS Friedens!

24.

Paris, den 1. November 18-10.

Marschall Soult, der Mann des Schwertes, sorgt für die innere RuheFrankreichs, und dieses ist seine ausschließliche Aufgabe. Für die äußereRuhe bürgt unterdessen Ludwig Philipp, der König der Klugheit, der mit ge-duldigen Händen, nicht mit dem Schwerte, die Wirrnisse der Diplomatie,den gordischen Knäuel, zu lösen sucht. Wird's ihm gelingen? Wir wün-schen es, und zwar im Interesse der Fürsten wie der Völker Europas. Letzterekönnen durch einen Krieg nur Tod und Elend gewinnen. Erstcrc, die Für-sten, würden, selbst im günstigsten Falle, durch einen Sieg über Frankreichdie Gefahren verwirklichen, die vielleicht jetzt nur in der Imagination einigerStaatsleute als bcsorgliche Gedanken existier». Die große Umwälzung,welche seit fünfzig Jahren in Frankreich stattfand, ist, wo nicht beendigt, dochgewiß gehemmt, wenn nicht von außen das entsetzliche Rad wieder in Bewe-gung gesetzt wird. Durch die Bedrohuissc eines Krieges mit der neuen Coa-lition wird nicht blos der Thron des Königs, sondern auch die Herrschaft jenerBourgeoisie gefährdet, die Ludwig Philipp rechtmäßig, jedenfalls thatsächlich,repräscntirt. Die Bourgeoisie, nicht das Volk, hat die Revolution von 1780begonnen und 1630 vollendet, sie ist es, welche jetzt regiert, obgleich viele ihrerMaudataricu von vornehmem Gcblütc sind, und sie ist es, welche das andrin-gende Volk, das nicht bloS Gleichheit der Gesetze, sondern auch Gleichheit derGenüsse verlaugt, bis jetzt im Zaum hielt. Die Bourgeoisie, welche ihr müh-sames Werk, die neue Staatsbcgründung, gegen den Andrang des Volkes,das eine radicalc Umgestaltung der Gesellschaft begehrt, zu vcrthcidigcn hat,ist gewiß zu schwach, wenn auch das Ausland sie mit vierfach stärkeren Kräften

Heine. VI. 24