— 235 —
7.
Paris, den ist. Mai 18ilZ.
Die officiellc Ankündigung in Betreff der sterdlichen Reste Napoleons hathier eine Wirkung hervorgebracht, die alle Erwartungen des Ministeriumsübertraf. Das Nationalgefühl ist aufgeregt bis in seine abgründlichstenTiefen, und der große Act der Gerechtigkeit, die Genugthuung, die dem Riesenunseres Jahrhunderts widerfahrt und alle edlen Herzen dieses Erdballs er-freuen muß, erscheint den Franzosen als der Ansang einer Rehabilitation ihrergekränkten Volksehre. Napoleon ist ihr Point-d'honneur.
Während aber der kluge Präsident des Conscils die Nationaleitelkcit unsererlieben Kechenäer, der Maulaufsperrcr an der Seine, mit Erfolg zu kitzeln undauszubeuten weiß, zeigt er sich sehr indifferent, ja mehr als indifferent in einerSache, wo nicht die Interessen eines Landes oder eines Volks, sondern dieInteressen der Menschheit selbst in Betracht kommen. Ist es Mangel anliberalem Gefühl oder an Scharfsinn, was ihn verleitete, für den französischenConsul, dem in der Tragödie zu Damaskus die schändlichste Rolle zugeschrie-ben wird, offenbar Partei zu nehmen? Nein, Herr Thiers ist ein Mann vongroßer Einsicht und Humanität, aber er ist auch Staatsmann, er bedarf nichtblos der rcvolutionaircn Sympathien, er hat Helfer nöthig von jeder Sorte,er muß transigircn, er braucht eine Majorität in der PairSkammcr, er kannden ClcruS als ein gonvernementales Nüttel bcnützen, nämlich jenen Thcil desClcrns, der, von der altern Bonrbonischcn Linie nichts mehr erwartend, sichder jetzigen Regierung angeschlossen hat. Zu diesem Theil des Clcrus, welchenman den elergs ratlis nennt, gehören sehr viele Ultramontancn, deren Organein Journal, Namens Univers; letztere erwarten das Heil der Kirche vonHerrn Thiers, und dieser sucht wieder in jenen seine Stütze. Graf Monta-lcmbert, das rührigste Mitglied der frommen Gesellschaft und seit dem erstenMärz auch Sel'de des Herrn Thiers, ist der sichtbare Vermittler zwischen demSohn der Revolution und den Vätern des Glaubens, zwischen dem ehemali-gen Rcdacteur des National und den jetzigen Rcdactorcn des Univers, die inihren Colonncn alles Mögliche aufbieten, um der Welt glauben zu machen,die Juden fräßen alte Kapuziner und der Graf Ratti-Mcnton sei ein ehrlicherMann. Graf Ratti-Mcnton, ein Freund, vielleicht nur ein Werkzeug derFreunde des Grafen Montalembert, war früher französischer Consul in Sici-lien, wo er zweimal Bankerott machte und fortgeschafft ward. Später war erConsul in Tiflis, wo er ebenfalls das Feld räumen mußte, und zwar wegenDingen, die nicht sonderlich ehrender Art sind; nur so viel will ich bemerken,daß damals der russische Botschafter zu Paris, Graf Pahlen, dem hiesigen