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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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die gedrucktesten Löschpapicrvcrfassungcn; Constitutionen, deren Codex jederKrautjunker auswendig weiß, und deren Aufrcchthaltung unter die besondereObhut jeder alten Hofkatze gestellt ist; Constitutionen, wovon auch der abso-luteste König nicht das geringste Titclchcn zu verletzen wagt ich spreche vonder Etiqucttc.

Durch die Etiguette liegen die Fürsten ganz in der Gewalt des Adels, siesind unfrei, sie sind unzurechnungsfähig, und die Treulosigkeit, die einige der-selben bei den letzten Ordonnanzen des Bundestags beurkundet, ist, wenn mansie billig beurtheilt, nicht ihrem Willen, sondern ihren Verhältnissen beizumes-sen. Keine Constitution sichert die Rechte des Volks; so lange die Fürstengefangen liegen in den Etiquetten des Adels, der, sobald die Castenintcresscnins Spiel kommen, alle Privatfcindschaftcn bei Seite setzt und als Corps ver-bündet ist. Was vermag der Einzelne, der Fürst, gegen jenes Corps, das inJntrigucn geübt ist, das alle fürstlichen Schwächen kennt, das unter seinenMitgliedern auch die nächsten Verwandten des Fürsten zählt, das ausschließ-lich um dessen Person sein darf, dergestalt, daß der Fürst seine Edcllcute, selbstwenn er sie haßt, durchaus nicht von sich weisen kann, daß er ihren holdenAnblick ertragen muß, daß er sich von ihnen ankleiden, die Hände waschen undlecken lassen muß, daß er mit ihnen essen, trinken und sprechen muß dennsie sind hoffähig, durch Erbrang zu jenen Hofchargen bevorzugt, und alle Hof-damen würden sich empören und dem armen Fürsten sein eigenes Haus ver-leiden, wenn er nach seines Herzens Gefühlen handelte und nicht nach denVorschriften der Etiguette. So geschah eS, daß König Wilhelm von England,ein wackerer, guter Fürst, durch die Ränke seiner noblen Umgebung, aufs kläg-lichste gezwungen ward, sein Wort zu brechen und seinen ehrlichen Namen zuopfern und der Achtung und des Vertrauens seines Volkes auf immer verlustigzu werden. So geschah cS, daß einer der edelsten und geistreichsten Fürsten,die je einen Thron geziert, Ludwig von Bayern, der noch vor drei Jahren derSache des Volkes so eifrig zugethan war, und allen Nnterjochungsversuchcnseiner Noblesse so fest widerstand, und ihre frondirendc Insolenz und Verläum-dungen so heldenmüthig ertrug: daß dieser jetzt, müd und entkräftet, in ihrevcrräthcrischcn Arme sinkt und sich selber untreu wird! Armes Herz, das einstso ruhmsüchtig und stolz war, wie sehr muß dein Muth gebrochen sein, daßdu, um von einigen störrigcn Unterthancn nicht mehr durch Widerrede inko-modirt zu werden, deine eigne unabhängige Oberherrschaft aufgäbest, und selbstein untcrthänigcr Vasall wurdest, Vasall deiner natürlichen Feinde, Vasalldeiner Schwäger!

Ich wiederhole, alle geschriebene Constitutionen können uns nichts helfen,so lange wir das Adelthum nicht von Grund aus vernichten. Es ist nichtdamit abgcthan, daß man durch diskutirtc, votirte und sanktionirte und pro-

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