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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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und an dcn Wänden sind lauter geheime Schubladen, worin er Gefühle ver-birgt. Kein deutscher Schriftsteller ist so reich wie er an Gedanken und Ge-fühlen, aber er läßt sie nie zur Reife kommen, und mit dem Rcichthum seinesGeistes und seines Gemllthes bereitet er uns mehr Erstaunen als Erguickuug.Gedanken und Gefühle, die zu ungeheuren Bäumen ausmachst» würden,wenn er sie ordentlich Wurzel fassen und mit allen ihren Zweigen, Blüthenund Blättern sich ausbreiten ließe: diese rupft er uns, wenn sie kaum nochkleine Pflänzchcn, oft sogar noch bloße Keime sind, und ganze Gcisteswäldcrwerden uns solchermaßen, auf einer gewöhnlichen Schüssel, als Gemüse vor-gesetzt. Dieses ist nun eine wundersame, ungenießbare Kost; denn nichtjeder Magen kann junge Eichen, Zedern, Palmen und Banianen in solcherMenge vertragen. Jean Paul ist ein großer Dichter und Philosoph, aberman kann nicht unkünstlerischer sein als eben er im Schaffen und Denken.Er hat in seinen Romanen ächtpoetische Gestalten zur Welt gebracht, aber allediese Geburten schleppen eine närrisch lange Nabelschnur mit sich herum undverwickeln und würgen sich damit. Statt Gedanken gicbt er unS eigentlichsein Denken selbst, wir sehen die materielle Thätigkeit seines Gehirns; er gicbtuns, so zu sagen, mehr Gehirn als Gedanken. In allen Richtungen hüpfendabei seine Witze, die Flöhe seines erhitzten Geistes. Er ist der lustigsteSchriftsteller und zugleich der sentimentalste. Ja, die Sentimentalität über-windet ihn immer und sein Lachen verwandelt sich jählings in Weinen. Ervermummt sich manchmal in einen bettclhaftcn plumpen Gesellen, aber dannplötzlich, wie die Fürsten inkognito, die wir auf dem Theater sehen, knöpft erden groben Obcrrock auf, und wir erblicken alsdann dcn strahlenden Stern.

Hierin gleicht Jean Paul ganz dem großen Jrländcr, womit man ihn oftverglichen. Auch der Verfasser des Tristram Shandy, wenn er sich in dcnrohesten Trivialitäten verloren, weiß uns plötzlich, durch erhabene Ucbcrgänge,an seine fürstliche Würde, an seine Ebenbürtigkeit mit Shakespeare, zu erin-nern. Wie Lorenz Sterne hat auch Jean Paul in seinen Schriften seinePersönlichkeit Preis gegeben, er hat sich ebenfalls in menschlichster Blöße ge-zeigt, aber doch mit einer gewissen unbeholfenen Scheu, besonders in geschlecht-licher Hinsicht. Lorenz Sterne zeigt sich dem Publikum ganz entkleidet, er istganz nackt; Jean Paul hingegen hat nur Löcher in der Hose. Mit Unrechtglaubm einige Kritiker, Jean Paul habe mehr wahres Gefühl besessen alsSterne, weil dieser, sobald der Gegenstand dcn er behandelt eine tragischeHöhe erreicht, plötzlich in den scherzhaftesten, lachendsten Ton überspringt;statt daß Jean Paul, wenn der Spaß nur im mindesten ernsthaft wird, all-mälig zu flennen beginnt und ruhig seine Thränendrüscn austräufcn läßt.Nein, Sterne fühlte vielleicht noch tiefer als Jean Paul, denn er ist eingrößerer Dichter. Er ist, wie ich schon erwähnt, ebenbürtig mit William