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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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Wer Acsthctik. Ader er hatte unterdessen nichts Neues gelernt, und er sprachsetzt zu einem Publikum, welches von Hegel eine Philosophie der Kunst, eineWissenschaft der Acsthctik, erhalten hatte. Man spottete und zuckte die Achsel.Es ging ihm wie einer alten Comödiantin, die nach zwanzigjähriger Abwesen-heit den Schauplatz ihres ehemaligen SucceS wieder betritt, und nicht begreiftwarum die Leute lachen statt zu applaudircn. Der Mann hatte sich entsetzlichverändert und er ergötzte Berlin vier Wochen lang durch die Einlage seinerLächerlichkeiten. Er war ein alter eitler Geck geworden, der sich überall zumNarren halten ließ. Man erzählt darüber die unglaublichsten Dinge.

Hier in Paris hatte ich die Vctriibniß, Herrn A. W. Schlegel persönlichwieder zu sehen. Wahrlich, von dieser Veränderung hatte ich doch keine Vor-stellung, bis ich mich mit eigenen Augen davon überzeugte. ES war voreinem Jahre, kurz nach meiner Ankunft in der Hauptstadt. Ich ging ebendas HauS zu sehen, worin Molidre gewohnt hat; den» ich ehre große Dichter,und suche überall mit religiöser Andacht die Spuren ihres irdischen Wandels.Das ist ein Kultus. Auf meinem Wege, unfern von jenem geheiligtenHause, erblickte ich ein Wesen, in dessen verwebten Zügen sich eine Achnlich-keit mit dem ehemaligen A. W. Schlegel kund gab. Ich glaubte seinen Geistzu sehen. Aber es war nur sein Leib. Der Geist ist todt und der Leib spuktnoch auf der Erde, und er ist unterdessen ziemlich fett geworden; an den dün-nen spiritualistischen Beinen hatte sich wieder Fleisch angesetzt; cS war sogarein Bauch zu sehen, und oben drüber hingen eine Menge Ordensbänder.Das sonst so feine greise Köpfchen trug eine goldgelbe Perücke. Er war ge-kleidet nach der neuesten Mode jenes JahrS, in welchem Frau von Staölgestorben. Dabei lächelte er so veraltet süß, wie eine bejahrte Dame, die einStück Zucker im Munde hat, und bewegte sich so jugendlich wie ein kokettesKind. ES war wirklich eine sonderbare Verjüngung mit ihm vorgegangen;er hatte gleichsam eine spaßhafte zweite Auflage seiner Jugend erlebt; er schienganz wieder in die Blllthe gekommen zu sein, und die Rothe seiner Wangenhabe ich sogar in Verdacht, daß sie keine Schminke war, sondern eine gesundeIronie der Natur.

Mir war in diesem Augenblick als sähe ich den seligen Molibre am Fensterstehe», und als lächelte er zu mir herab, hindeutend auf jene melancholischheitere Erscheinung. Alle Lächerlichkeit derselben ward mir ans einmal soganz einleuchtend; ich begriff die ganze Tiefe und Fülle des Spaßes, der darinenthalten war; ich begriff ganz den Lustspiclcharakter jener fabelhaft ridikülcnPcrsonage, die leider keinen großen Komiker gefunden hat um sie gehörig fürdie Bühne zu benutzen. Molibrc allein wäre der Mann gewesen, der einesolche Figur für das Theater Fran?ais bearbeiten konnte, er allein hatte dasdazu nöthige Talent; und das ahnte Herr A. W. Schlegel schon früh-