Bezeichnung für ihn selbst. Tie Gegenwart war ihm verhaßt, die Zukunfterschreckte ihn, und nur in dicVergangenheit, die er liebte, drangen seine offen-barenden Seherblicke.
Der arme Fr. Schlegel, in den Schmerzen unserer Zeit sah er nicht dieSchmerzen der Wiedergeburt, sondern die Agonie des Sterbens, und ausTodesangst flüchtete er sich in die zitternden Ruinen der katholischen Kirche.Diese war jedenfalls der geeignetste Zufluchtsort für seine GcmllthSstimmung.Er hatte viel heiteren Uebcrmuth im Leben ausgeübt; aber er betrachtete solchesals sündhaft, als Sünde die späterer Abbüße bedurfte, und der Verfasser der„Lucinde" mußte nothwcndigerweise katholisch werden.
Die Lucinde ist ein Roman, und ausser seinen Gedichten und einem demSpanischen nachgebildeten Drama, Markos geheißen, ist jener Roman dieeinzige Originalschöpfung, die Fr. Schlegel hinterlassen. Es hat seiner Zeitnicht an Lobpreisern dieses Romans gefehlt. Der jetzige hvchehrwllrdigeHerr Schleyermacher, hat damals enthusiastische Briefe über die Lucinde heraus-gegeben. Es fehlte sogar nicht an Kritikern, die dieses Produkt als ein Mei-sterstück priesen und die bestimmt prophezeiten, daß cS einst für das beste Buchin der deutschen Literatur gelten werde. Man hätte diese Leute von Obrig-keitswegen festsetzen sollen, wie man in Nußland die Propheten, die ein öffent-liches Unglück prophezeien, vorläufig so lange einsperrt, bis ihre Weissagungin Erfüllung gegangen. Nein, die Götter haben unsere Literatur vor jenemUnglück bewahrt; der Schlegelsche Roman wurde bald wegen seiner unzüchti-gen Nichtigkeit, allgemein verworfen und ist jetzt verschollen. Lucinde ist derName der Heldin dieses Romans, und sie ist ein sinnlich witziges Weib, odervielmehr eine Mischung von Sinnlichkeit und Witz. Ihr Gebrechen ist eben,daß sie kein Weib ist, sondern eine unerquickliche Zusammensetzung von zweiAbstrakzioncn, Witz und Sinnlichkeit. Die Muttergottes mag es dem Ver-fasser verzcicn, daß er dieses Buch geschrieben; nimmermehr verzeihen es ihmdie Musen.
Ein ähnlicher Roman, Florcntin geheißen, wird dem seligen Schlegel irr-tümlich zugeschrieben. Dieses Buch ist, wie man sagt, von seiner Gattin,einer Tochter des berühmten Moses Mendelssohn, die er ihrem ersten Gemahlentführt, und welche mit ihm zur römisch katholischen Kirche übertrat.
Ich glaube, daß es Fr. Schlegel mit dem Katholicismus Ernst war. Vonvielen seiner Freunde glaube ich es nicht. Es ist hier sehr schwer die Wahr-heit zu ermitteln. Religion und Heuchelei sind Zwillingöschwestcrn, undbeide sehen sich so ähnlich, daß sie zuweilen nicht von einander zu unterscheidensind. Dieselbe Gestalt, Kleidung und Sprache. Nur dehnt die letztere vonbeiden Schwestern etwas weicher die Worte und wiederholt öfter das Wort-