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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
172
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Antique. Dieser würdevolle Leib war nie gekrümmt von christlicher Wurm-dcmnth; die Züge des Antlitzes waren nicht verzerrt von christlicher Zerknir-schung; diese Angcn waren nicht christlich sündcrhast scheu, nicht andächtelndund himmelnd, nicht flimmernd bewegt: nein, seine Augen waren ruhigwie die eines Gottes. Es ist nämlich überhaupt das Kennzeichen der Gotter,daß ihr Blick fest ist und ihre Augen nicht unsicher hin und her zucken. Da-her, wenn Agni, Varuna, Jama und Jndra die Gestalt des Nala annehmen,bei Damayantis Hochzeit, da erkennt diese ihren Geliebten an dem Zwinkenseiner Augen, da wie gesagt die Augen der Gotter immer unbewegt sind.Letztere Eigenschaft hatten auch die Augen des Napoleon. Daher bin ich über-zeugt, daß er ein Gott war. Goethes Auge blieb in seinem hohen Alter ebenso göttlich wie in seiner Jugend. Die Zeit hat auch sein Haupt zwar mitSchnee bedecken, aber nicht beugen können. Er trug es ebenfalls immer stolzund hoch, und wenn er sprach wurde er immer größer, und wenn er die Handausstreckte, so war es, als ob er, mit dem Finger, den Sternen am Himmelden Weg vorschreiben könne, den sie wandeln sollten. Um seinen Mund willman einen kalten Zug von Egoismus bemerkt haben; aber auch dieser Zug istden ewigen Göttern eigen, und gar dem Vater der Götter, dem großen Jupi-ter, mit welchem ich Goethe schon oben verglichen. Wahrlich, als ich ihn inWcimar besuchte und ihm gegenüber stand, blickte ich unwillkührlich zur Seite,ob ich nicht auch neben ihm den Adler sähe mit den Blitzen im Schnabel.Ich war nahe dran ihn griechisch anzureden; da ich aber merkte, daß er deutschverstand, so erzählte ich ihm auf deutsch: daß die Pflaumen auf dem Wegezwischen Jena und Weimar sehr gut schmecken. Ich hatte in so manchen lan-gen Winternächten darüber nachgedacht, wie viel Erhabenes und Tiefsinnigesich dem Goethe sagen würde, wenn ich ihn mal sähe. Und als ich ihn endlichsah, sagte ich ihm, daß die sächsischen Pflaumen sehr gut schmeckten. UndGoethe lächelte. Er lächelte mit denselben Lippen womit er einst die schöneLeda, die Europa, die Danae, die Semcle und so manche andere Prinzessin-nen oder auch gewöhnliche Npmphen geküßt hatte

Ues vioux s'sn vont. Goethe ist todt. Er starb den 22stc» März desverflossenen Jahrs, des bedeutungsvollen Jahrs, wo unsere Erde ihre größtenNenommeen verloren hat. Es ist als sei der Tod in diesem Jahre plötzlicharistokratisch geworden, als habe er die Notabilitäten dieser Erde besondersauszeichnen wollen, indem er sie gleichzeitig ins Grab schickte. Vielleicht garhat er jenseits, im Schattenreich, eine Pairie stiften wollen, und in diesemFalle wäre seine tournäs sehr gut gewählt. Oder hat der Tod, im Gegen-theil, im verflossenen Jahr die Demokratie zu begünstigen gesucht, indem ermit den großen Renommee» auch ihre Autoritäten vernichtete und die geistigeGleichheit beförderte?