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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
152
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ein Kind wurde, und zu jener lallenden Einfalt herabblnbte, die Frau v.Stadl so sehr viel Mühe hatte zu bewundern. Sie gesiebt selber, daß es ihrkurios vorkomme, wenn eine Person in einem Drama mit einem Monologdebütirt, der mit den Worten anfängt: Ich bin der wackere Bonifazins, undich komme Euch zu sagen u. s. w.

Herr Ludwig Ticck hat durch seinen RomanSterubalds Wanderungen"und durch die von ihm herausgegebenen und von einem gewissen Wackcnrodcrgeschriebenen,Hcrzcnsergicßnngen eines kunstliebendcn Klosterbruders" auchden bildenden Künstlern die naiven, rohen Anfänge der Kunst als Musterdargestellt. Die Frömmigkeit und Kindlichkeit dieser Werke, die sich eben inihrer technische» Unbeholfcnheit kund gicbt, wurde zur Nachahmung empfohlen.Von Raphael wollte man nichts mehr wissen, kaum einmal von seinem LehrerPerugino, den man freilich schon höher schaßte, und in welchem man nochReste jener Vortrefslichkeitcn entdeckte, deren ganze Fülle man in den unsterb-lichen Meisterwerken des Fra Giovanno Angclico da Fiösolc so andachtsvollbewunderte. Will man sich hier einen Begriff von dem Geschmacke der da-maligen Äunstcnthusiastcn machen, so muß man nach dem Louvre gehen, wonoch die besten Gemälde jener Meister hängen, die man damals unbedingtverehrte; und will man sich einen Begriff von dem großen Hausen der Poetenmachen, die damals in allen möglichen Vcrsartcn die Dichtungen des Mittel-alters nachahmten, so muß man nach dem Narrcnhaus zu Charcnton geh».

Aber ich glaube jene Bilder im ersten Saale des Louvre sind noch immerviel zu graziöse, als daß man sich dadurch einen Begriff von dem damaligenKnnstgeschmack machen könnte. Man muß sich diese altitalicnischcn Bildernoch obendrein ins Altdeutsche überseht denken. Denn man erachtete dieWerke der altdeutschen Maler für noch weit einfältiglicher und kindlicher undalso nachahmungswürdiger als die altitalicnischen. Denn die Deutschen ver-mögen ja, hieß es, mit ihrem Gcmüth (ein Wort wofür die französischeSprache keinen Ausdruck hat) das Christenthum tiefer aufzufassen als andereNationen, und Friedrich Schlegel und sein Freund Herr Joseph Görres,wühlte» in den alten Städte» am Rhein nach den Resten altdeutscher Ge-mälde und Bildwerke, die man, gleich heiligen Reliquien, blindgläubigverehrte.

Ich habe eben den deutschen Parnaß jener Zeit mit Cbarenton verglichen.Ich glaube aber auch hier habe ich viel zu wenig gesagt. Ein französischerWahnsinn ist noch lange nicht so wahnsinnig wie ein deutscher; denn in diesem,wie Polonins sagen würde, ist Metbvde. Mit einer Pedanterie ohne Gleichen,mit einer entsetzlichen Gewissenbaftigkeit, mit einer Gründlichkeit wovon sichein oberflächlicher französischer Narr nicht einmal eine» Begriff machen kann,trieb man jene deutsche Tollheit.